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£NTROJEKTION UND 
"* ÜBERTRAGUNG. 



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'EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 



VON 



Dr. S. FERENCZI, 

NERVENARZT, SACHVERSTÄNDIGER DES KON. GERICHTSHOFES 

IN BUDAPEST. 



I. DIE INTROJEKTION IN DES NEUROSE. 

IX DIE ROLLE DER ÜBERTRAGUNG BEI DER 
HYPNOSE UND SUGGESTION. 



SONDERABDRUCK 

AUS DEM 

JAHRBUCH FÜR PSYCHOANALYTISCHE UND PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHÜNüEN, I. BAND. 



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LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEÜTIOKE. 

1910. 



Verl»(».Nr. 1659. 



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THE LIBRARY 

OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

PRESENTED BY 

PROF. CHARLES A. KOFOID AND 

MRS. PRUDENCE W. KOFOID 




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INTROJEKTION UND 
ÜBERTRAGUNG. 

EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 

VON 

Dr. S. FERENCZI, 

NERVENARZT, SACHVERSTÄNDIGER DES KÖN. GERICHTSHOFES 

IN BUDAPEST. 



L DIE INTROJEKTION IN DER NEUROSE. 

IL DIE ROLLE DER ÜBERTRAGUNG BEI DER 
HYPNOSE UND SUGGESTION. 



SONDERABDRUCK 

AUS DEM 

JAHRBUCH FÜR PSYCHOANALYTISCHE UND PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN, I. BAND. 




iv 



LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEUTICKE. 

1910. 



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^ W Ö K UNIVERSITYOF CALIFORNIA 






Verlags-Nr. 1659. 



Druck von Rudolf M. Rohrer in Brunn. 



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I. Die Introjektion in der Neurose. 

„Die Produktivität der Neurose ist (während einer psychoanaly- 
tischen Kur) durchaus nicht erloschen, sondern betätigt sich in der 
Schöpfung einer besonderen Art von meist unbewußten Gedanken- 
bildungen, welchen man den Namen „Übertragungen" verleihen 
kann." 

„Was sind Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nachbildungen 
von den Regungen und Phantasien, die während des Vordringens der 
Analyse erweckt und bewußt gemacht werden müssen, mit einer für 
die Gattung charakteristischen Ersetzung einer früheren Person durch 
die Person des Arztes." 

In diesen Sätzen kündigte Freud eine seiner bedeutsamsten Ent- 
deckungen in der meisterhaft geschilderten Krankheitsgeschichte einer 
Hysterischen an. („Bruchstück einer Hysterieanalyse", in Freuds 
„Sammlung kleiner Schriften", II. Bd., Deuticke, Wien, 1909.) 

Wer immer es seitdem versuchte, den Weisungen Freuds folgend, 
das Seelenleben der Neurotischen psychoanalytisch zu erforschen, 
mußte sich von der Wahrheit dieser Beobachtung überzeugen. Die 
größten Schwierigkeiten einer solchen Analyse erwachsen gerade aus der 
merkwürdigen Eigentümlichkeit der Neurotischen, daß sie „um der 
Einsicht ins eigene Unbewußte auszuweichen, alle ihre vom Unbewußten 
her verstärkten Affekte (Haß, Liebe) auf den behandelnden Arzt über- 
tragen" 1 ). 



*) Ferenczi, Über Aktual- und Psychoneurosen im Sinne Freuds. 
(Wiener klin. Rundschau, 1908, Nr. 48 bis 51.) 

1* 



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4 S. Ferenczi. 

Wenn man aber mit der Arbeitsweise der neurotischen Psyche 
näher bekannt wird, erkennt man, daß die Neigung der Psychoneurotiker 
zur Übertragung sich nicht nur im speziellen Falle einer psychoanaly- 
tischen Behandlung und nicht nur dem Arzte gegenüber äußert, 
daß vielmehr die Übertragung ein für die Neurose über- 
haupt charakteristischer, in allen Lebenslagen sich kund- 
gebender und den meisten ihrer Krankheitsäußerungen 
zugrundeliegender psychischer Mechanismus ist. 

Bei sich häufender Erfahrung wird man überzeugt, daß die 
scheinbar unmotivierte Affektverschwendung, das übermäßige Hassen, 
Lieben und Mitleiden der Neurotischen auch nichts anderes als Über- 
tragungen sind, wobei längst vergessene psychische Erlebnisse (in der 
unbewußten Phantasie) zum aktuellen Anlasse oder zur gegenwärtigen 
Person in Beziehung gebracht werden und der Affekt unbewußter Vor- 
stellungskomplexe die aktuelle Reaktion übertreibt. Die „Übertrieben- 
heit" in den Gefühlsäußerungen Hysterischer ist ja längst bekannt und 
auch viel bespöttelt worden; erst seit Freud wissen wir aber, daß den 
Spott eher wir Ärzte verdient hätten, die wir die symbolischen Dar- 
stellungsmittel, gleichsam die Sprache der Hysterie nicht kennend, 
sie bald als eine Art Simulation ansprachen, bald wieder mit ab- 
strusen physiologischen Schlagworten abgetan zu haben wähnten. Die 
psychologische Auffassung hysterischer Symptome und Charakter- 
eigenschaften nach Freud brachte erst die merkwürdigen Aufschlüsse 
über die neurotische Psyche. So fand Freud, daß die Neigung der 
Psychoneurotiker zur Imitation und die so häufige „psychische 
Infektion" unter Hysterischen kein einfacher Automatismus ist, 
sondern in unbewußten, auch sich selbst nicht eingestandenen und be- 
wußtseinsunfähigen Ansprüchen und Wünschen ihre Erklärung findet. 
Der Kranke eignet sich die Symptome einer Person an oder macht sich 
ihre Charakterzüge zu eigen, wenn er sich in seinem Unbewußten mit jener 
Person ,,auf Grund des gleichen ätiologischen Anspruches" identifi- 
ziert. (S. Freud, Traumdeutung, II. Auflage, S. 107.) Auch die be- 
kanute Rührseligkeit vieler Neurotiker, ihre Fähigkeit, die Erlebnisse 
anderer aufs intensivste mitzufühlen, sich in die Lage dritter Personen 
zu versetzen, finden in der hysterischen Identifizierung ihre Erklärung, 
und die impulsiven Akte der Großmut und Wohltätigkeit sind bei ihnen 
nur Reaktionen auf diese unbewußten Regungen — sind also in letzter 
Linie vom Unlustprinzipe beherrschte, also egoistische Handlungen. 
Daß es in der Gefolgschaft jeder wie immer gearteten humanitären 



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Introjektion und Übertragung. 5 

oder Reformbewegungen, in der Propaganda des Abstinentismus 
(Vegetarismus, Antialkoholismus, Abolitionismus), in revolutionären 
Organisationen, Sekten, bei Verschwörungen für oder gegen die religiöse, 
politische oder moralische Ordnung von Neuropathen wimmelt, erklärt 
sich gleichfalls durch die Übertragung des Interesses von zensurierten 
egoistischen (erotischen oder gewalttätigen) Tendenzen des Unbewußten 
auf Gebiete, auf denen sich diese ohne Selbstvorwurf ausleben können. 
Aber auch die alltäglichen Ereignisse eines einfach bürgerlichen Lebens 
bieten den Neuropathen die reichlichste Gelegenheit, bewußtseinsunfähige 
Regungen auf zulässige Gebiete zu verschieben. Die von Freud 
zuerst festgestellte unbewußte Indentifizierung grobsexueller genitaler 
Funktionen mit denen der Mundorgane (Essen, Küssen) ist ein 
Beispiel dafür. Bei der Naschhaftigkeit Hysterischer, bei ihrer Neigung 
unverdauliche oder schwerverdauliche Dinge (unreifes Obst, Kreide usw.) 
zu essen, bei der eigentümlichen Sucht nach Speisen von fremden 
Tischen, bei ihrer Vorliebe oder Idiosynkrasie gegenüber Speisen 
von gewisser Form oder Konsistenz konnte ich in zahlreichen Analysen 
feststellen, daß es sich um die Verschiebung des Interesses von ver- 
drängten erotischen (genitalen oder koprophilen) Neigungen und um 
die Anzeichen sexuellen Unbefriedigtseins handelt. (Auch die bekannte 
Süchtigkeit schwangerer Frauen, die ich übrigens auch bei Nicht- 
graviden zur Zeit der Menses beobachtete, konnte ich mehrmals auf die 
im Verhältnisse zur gesteigerten Libido ungenügende Befriedigung 
zurückführen.) 0. Grcß und Stekel fanden die gleiche Ursache für 
die hysterische Kleptomanie. 

Ich bin mir dessen bewußt, daß ich in den angefühlten Beispielen 
die Ausdrücke: Verschiebu ng und Übertragu ng vermengte. Ist dech 
die Übertragung nur ein Spezialfall der Verschiebungssucht der Neuio- 
tischen, die um einigen unlustvoll, daher unbewußt gewordenen Kom- 
plexen auszuweichen, auf Grund oberflächlichster „ätiologischer An- 
sprüche" und Analogien den Personen und Dingen der Außenwelt mit 
übertriebenem Interesse (Liebe, Haß, Sucht, Idiosynkrasie) zu begegnen 
gezwungen sind. 

Eine psychoanalytische Kur bietet die günstigsten Bedingungen 
zur Entstehung einer solchen Übertragung. Die veidrängt gewesenen und 
allmählich bewußt werdenden Regungen begegnen „in statu nascendi" 
zunächst der Person des Arztes und suchen ihre ungesättigten Valenzen 
an dieser Persönlichkeit zu verankern. Wollen wir diesen der Chemie 
entlehnten Vergleich fortführen, so können wir die Psychoanalyse, 



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o S. Ferenczi. 

insoferne dabei die Übertragung in Betracht kommt, als eine Art 
Katalyse auffassen. Die Person des Arztes hat hier die Wirkung 
eines katalytischen Fermentes, das die sich bei der Zersetzung ab- 
spaltenden Affekte zeitweilig an sich reißt. Bei der kunstgerechten 
Psychoanalyse ist aber diese Verbindung nur eine lockere und 
wird das Interesse des Kranken ehestens an seine ursprünglichen, ver- 
schütteten Quellen zurückgeleitet und mit ihnen in Dauerverbindung 
gebracht. 

Wie wenige und geringfügige Motive bei Neurotischen schon zur 
Affektübertragung genügen, ist in dem zitierten Werke Freuds 
angedeutet. Einige charakteristische Beispiele mögen hier folgen. 
Eine hysterische Patientin mit sehr starker Sexualverdrängung 
verriet zum ersten Male die Übertragung auf den Arzt in einem Traume. 
(Ich, [der Arzt] operiere an ihrer Nase, sie trägt dabei eine Frisur ä la 
Cleo de Merode.) Wer schon Träume analytisch gedeutet hat, wird mir 
ohne weiteres glauben, daß ich in diesem Traume, wohl auch in der 
unbewußten Denktätigkeit des Wachens die Stelle jenes Rhinologen ein- 
genommen habe, der der Patientin einmal unanständige Anträge machte. 
Die Frisur der bekannten Demimondaine ist eine gar zu deutliche 
Anspielung darauf. Überhaupt wenn der behandelnde Arzt in den 
Träumen der Patienten erscheint, entdeckt die Analyse mit Sicherheit 
Anzeichen der Übertragung. Auch in Stekels Buch über Angst- 
hysterie 1 ) ist das mit schönen Beispielen belegt. Der Fall ist aber auch 
in einem andern Sinne typisch. Sehr oft benutzen die Patienten die 
Gelegenheit dazu, alle sexuellen Regungen, die sie früher bei ärztlichen 
Untersuchungen verspürt und verdrängt haben, in unbewußten Phan- 
tasien über Entkleidung, Beklopft-, Betastet-, „Operiert"-werden, aufzu- 
frischen und die dabei tätig gewesenen Ärzte im Unbewußten durch die 
Person des jetzigen Arztes zu ersetzen. Um der Gegenstand dieser Art 
Übertragung zu werden, genügt es überhaupt ein Arzt zu sein; ist doch 
die mystische Rolle, die in der sexuellen Phantasie des Kindes dem 
alles verbotene wissenden, alles verborgene anschauenden und be- 
tastenden Arzte zukommt, eine selbstverständliche Determinante des 
unbewußten Phantasierens, also auch der Übertragung in einer späteren 
Neurose. (Vergleiche die Anmerkung über das „Doktorspiel" in Freuds 
Artikel über „Infantile Sexualtheorien". Kleine Schriften zur Neurosen- 
lehre, II. Auflage, S. 171.) 

*) W. Ste kel, Nervöse Angstzustände. Wien, 1908, Urban und Schwarzenberg. 



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lntrojektion und Übertragung. 7 

Bei der außerordentlichen Bedeutung, die dem verdrängten 
,, Ödipuskomplex" (Haß und Liebe zu den Eltern) nach der täglich sich 
bewahrheitenden Feststellung Freuds in jedem Falle von Neurose 
zukommt, wird man sich nicht wundern, wenn die „väterliche" Art, 
die freundlich-nachsichtige Haltung, mit der der Arzt bei der Psycho- 
analyse dem Patienten begegnen muß, so häufig als Brücke zur Über- 
tragung von bewußten Sympathiegefühlen und unbewußten erotischen 
Phantasien benutzt wird, deren ursprüngliche Objekte die Eltern waren. 
Der Arzt ist eben immer nur einer der „Revenants" (Freud), in denen 
der Neurotische die entschwundenen Gestalten der Kindheit wieder- 
zufinden hofft. Doch genügt eine minder freundliche, an eine Pflicht, 
an die Pünktlichkeit mahnende Bemerkung oder eine mit einer Nuance 
schärfere Tonart seitens des analysierenden Arztes, um allen gegen 
moralisierende Respektpersonen (Eltern, Gatte) gerichteten unbewußten 
Haß und Wut des Patienten auf sich zu laden. 

Die Konstatierung solcher Übertragungen positiver und negativer 
Affekte ist für die Analyse außerordentlich wichtig, sind doch die 
Neurotiker zumeist Personen, die sich entweder zum Lieben oder zum 
Hassen unfähig glauben (oft sogar die primitivsten Kenntnisse über die 
Sexualität vor sich selbst ableugnen), also um Anästhetische oder 
Ubergute ; und nichts ist geeigneter ihren irrigen Glauben an der eigenen 
Fühllosigkeit und Engelsgüte zu erschüttern, als wenn man bei ihnen 
gegensätzliche Gefühlsströmungen in flagranti ertappt und demaskiert. 
Noch wichtiger sind die Übertragungen als Ausgangspunkte zur Fort- 
führung der Analyse in der Richtung der tiefer verdrängten Gedanken- 
komplexe. 

Auch lächerlich kleine Ähnlichkeiten: die Haarfarbe, einige 
Gesichtszüge, eine Geste des Arztes, die Art wie er die Zigarette, die 
Feder in der Hand hält, die Klangähnlichkeit oder Gleichheit des 
Vornamens mit dem einer bedeutungsvoll gewesenen Person: selbst 
solche entfernte Analogien genügen, um die Übertragung herzustellen. 
Daß uns eine Übertragung auf Grund solch kleinlicher Analogien „lächer- 
lich" erscheint, erinnert mich daran, daß Freud bei einer Kategorie 
von Witzen die „Darstellung durch ein Kleinstes" als das Lustent- 
bindende, d. h. vom Unbewußten her verstärkte, nachwies; ähnliche 
Anspielungen auf Dinge, Personen, Begebenheiten mit Hilfe minimaler 
Details finden wir in allen Träumen. Die poetische Figur: „pars pro 
toto" ist also in der Sprache des Unbewußten gang und gäbe. 

Eine vielbegangene Übertragungsbrücke ist für die Patienten 



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8 S. Ferenczi. 

natürlich das Geschlecht des Arztes an und für sich. Die weiblichen 
Patienten knüpfen ihre unbewußten heterosexuellen Phantasien sehr oft 
nur an die Tatsache an, daß der Arzt eben ein Mann ist; das verschafft 
ihnen die Möglichkeit, die mit der Idee der Männlichkeit assoziierten ver- 
drängten Komplexe zu beleben. Doch die in jedem Menschen versteckte 
homosexuelle Komponente sorgt dafür, daß auch Männer ihre „ Sym- 
pathie* ' und Freundschaft — eventuell deren Gegenteil — auf den Arzt 
zu übertragen suchen. Es genügt aber, daß etwas am Arzte den Patienten 
„frauenhaft" erscheine, damit die Frauen ihr homo-, die Männer ihr 
heterosexuelles Interesse oder ihren diesbezüglichen Widerwillen ganz 
unbewußt mit der Person des Arztes in Beziehung bringen. 

In mehreren Fällen gelang es mir nachzuweisen, daß das Nach- 
lassen der ethischen Zensur im Ordinationszimmer des Arztes durch das 
verminderte Verantwortlichkeitsgefühl der Patienten mitbestimmt 
war. Das Bewußtsein, daß der Arzt für alles, was bei ihm vorgeht, 
verantwortlich ist, begünstigt das Auftauchen zuerst unbewußter, dann 
auch bewußtwerdender Tagträume, die sehr oft einen gewaltsamen 
sexuellen Angriff seitens des Arztes zum Gegenstand haben und dann 
zumeist mit der exemplarischen Bestrafung des Schamlosen (gericht- 
liche Verurteilung, öffentliche Erniedrigung durch Zeitungsartikel, 
Erschossenwerden im Duell usw.) enden. In dieser moralischen Ver- 
kleidung werden eben die verdrängten Wünsche der Menschen bewußt- 
seinsfähig. Als ein anderes, das Gefühl der Verantwortlichkeit abschwä- 
chendes Motiv erkannte ich bei einer Patientin die Idee, daß „der Arzt 
eben alles könne", worunter sie die operative Beseitigung der eventuellen 
Folgen eines Verhältnisses verstand. 

Bei der Analyse müssen die Patienten alle diese unlauteren Pläne 
gerade so wie alles andere, was ihnen einfällt, mitteilen. Bei der nicht- 
analytischen Behandlung der Neurotiker bleibt all dies von dem Arzte 
unerkannt, dafür erlangen die Phantasien manchmal einen fast halluzina- 
torischen Charakter und enden unter Umständen mit der öffentlichen 
oder gerichtlichen Verleumdung des Arztes seitens des Klienten. 

Der Umstand, daß auch andere Personen in psychotherapeutischer 
Behandlung stehen, ermöglicht den Patienten die in ihrem Unbewußten 
versteckten Affekte der Eifersucht, des Neides, des Hasses und der Ge- 
walttätigkeit ohne oder mit nur geringem Selbstvorwurf auszuleben. 
Natürlich muß dann der Patient bei der Analyse auch diese inadaequaten 
Gefühlsregungen von dem aktuellen Anlaß ablösen und an viel bedeut- 
samere Persönlichkeiten und Situationen assoziieren. Das Gleiche gilt von 



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Introjektion und Übertragung. 9 

den mehr oder minder bewußten Gedankengängen und Gefühlregungen, 
die den zwischen Arzt und Patienten bestehenden Lohn vertrag zum Aus- 
gangspunkte haben. So mancher „übergute", „generöse" Mensch mußte 
bei der Analyse einsehen und bekennen, daß ihm die Gefühle des Geizes, 
der rücksichtslosen Selbstsucht, der unlauteren Gewinnsucht nicht so 
ganz fremd sind wie er es bislang zu glauben liebte. („Die Menschen 
behandeln Geldfragen mit derselben Verlogenheit wie die Fragen der 
Sexualität. Bei der Analyse müssen beide mit der gleichen Offenheit 
zur Sprache kommen" pflegt Freud zu sagen.) Daß der auf die Kur 
übertragene Geldkomplex oft nur der Deckmantel viel tiefer versteckter 
Regungen ist, hat Freud in einer meisterhaften charakterologischen 
Studie (Charakter und Analerotik) festgestellt. 

Wenn wir diese verschiedenen Varietäten der „Übertragung auf 
den Arzt" einheitlich ins Auge fassen, werden wir in unserer Annahme, 
daß diese nur eine, wenn auch praktisch bedeutsamste Manifestation 
der allgemeinen Ubertragungssucht der Neurotischen ist, entschieden 
bestärkt. Diese Sucht oder Süchtigkeit dürfen wir als die für die 
Neurosen fundamentalste und auch die meisten ihrer Konversions- und 
Sub3titutionssymptome erklärende Eigentümlichkeit ansehen. Alle 
Neurotiker leiden an Komplexflucht, sie flüchten, wie Freud sagt, vor 
der unlustvoll gewordenen Lust in die Krankheit, das heißt sie entziehen 
gewissen, früher lustbetonten Vorstellungskomplexen die Libido. Wenn 
diese Libidoentziehung eine minder vollkommene ist, so schwindet 
das Interesse für das früher Geliebte oder Gehaßte und werden diese 
„gleichgültig" ; ist die Ablösung der Libido eine vollständigere, so wird 
von der Zensur nicht einmal der geringe Grad von Interesse zugelassen, 
der für die Aufmerksamkeitsbesetzung erforderlich ist, — der Komplex 
wird verdrängt, „vergessen" und bewußtseinsunfähig. Es scheint aber, 
als ob die Psyche eine solche von seinem Komplex losgelöste, also 
„f reif kotierende" Libido schlecht vertrüge. Bei der Angstneurose, wie 
es Freud nachgewiesen hat, wandelt die Ablenkung der somatischen 
Sexualerregung vom Psychischen die Lust in Angst um. Bei den Psycho- 
neurosen müssen wir eine ähnliche Veränderung annehmen; hier ver- 
ursacht die Ablenkung der psychischen Libido von gewissen 
Vorstellungskomplexen eine Art dauernde Unruhe, die 
der Kranke möglichst zu lindern sucht. Es gelingt ihm auch einen mehr- 
minder großen Anteil auf dem Wege der Konversion (Hysterie) oder der 
Substitution (Zwangsneurose) zu neutralisieren. Es hat aber den 
Anschein, als ob diese Bindung kaum je eine vollkommene wäre und 



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10 S. Ferenczi. 

immer noch eine wechselnde Summe freiflottierender, komplexflüchtiger 
Erregung übrig bliebe, die sich an den Objekten der Außenwelt zu 
sättigen sucht. Diese Erregungssumme könnte man zur Erklärung 
der Übertragungssucht der Neurotischen heranziehen und für die 
„Süchtigkeit" der Neurotischen verantwortlich machen. (Bei der 
„kleinen Hysterie" scheint diese Sucht das Wesen der Krankheit auszu- 
machen.) 

Um den psychischen Grundcharakter der Neurotiker besser zu ver- 
stehen, muß man ihr Verhalten mit dem derer, die an Dementia praecox 
und an Paranoia leiden, vergleichen. Der Demente löst sein Interesse 
von der Außenwelt vollkommen ab und wird autoerotisch (Jung 1 ), 
Abraham 2 ). Der Paranoische möchte, wie Freud bewiesen hat, das- 
selbe tun, kann es aber nicht, projiziert also das ihm lästig gewordene 
Interesse auf die Außenwelt. Die Neurose steht in dieser Hinsicht 
in diametralem Gegensatze zur Paranoia. Während der Paranoische die 
unlustvoll gewordenen Regungen aus dem Ich hinausdrängt, hilft sich 
der Neurotiker auf die Art, daß er einen möglichst großen Teil der 
Außenwelt in das Ich aufnimmt und zum Gegenstande unbewußter 
Phantasienmacht. Es ist das eine Art Verdünnungsprozeß, womit 
er die Schärfe freiflottierender, unbefriedigter und nicht zu befriedigender 
unbewußter Wunschregungen mildern will. Diesen Prozeß könnte man, 
im Gegensatze zur Projektion, Introjektion nennen. 

Der Neurotische ist stets auf der Suche nach Objekten, mit denen 
er sich identifizieren, auf die er Gefühle übertragen, die er also in den 
Interessenkreis einbeziehen, introjizieren kann. Auf einer ähnlichen 
Suche nach Objekten, die zur Projektion unlusterzeugender Libido 
geeignet wären, sehen wir den Paranoischen. So entstehen am Ende die 
gegensätzlichen Charaktere des weitherzigen, rührseligen, zu Liebe und 
Haß zu aller Welt leicht entflammenden oder leicht erzürnenden, erreg- 
baren Neurotikers, und der des engherzigen, mißtrauischen, sich von 
der ganzen Welt beobachtet, verfolgt oder geliebt wähnenden Paranoikers. 
Der Psychoneurotiker leidet an Erweiterung, der Paranoische an 
Schrumpfung des Ichs. 

*) Jung, Zur Psychologie der Dementia praecox, C. Marhold 1907. („Mangel 
an gemütlichem Rapport bei der Dementia praecox.") 

f ) Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der De- 
mentia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 1908. („Im 
Autoerotismus liegt der Gegensatz der Dementia praecox gegenüber der Hysterie. 
Hier Abkehr der Libido, dort übermäßige Objektbesetzung . . . .") 



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Introjektion und Übertragung. 11 

Wenn man die Ontogenie des Ich-Bewußtseins auf Grund der 
neuen Erkenntnisse revidiert, gelangt man zur Ansicht, daß die para- 
noische Projektion und die neurotische Introjektion nur extreme Fälle 
von psychischen Prozessen sind, deren Grundformen bei jedem Normal- 
menschen nachzuweisen sind. 

Man kann annehmen, daß dem Neugeborenen alles, was seine 
Sinne warnehmen, einheitlich, gleichsam monistisch vorkommt. Erst 
später lernt er die tückischen Dinge, die seinem Willen nicht ge- 
horchen als Außenwelt vom Ich — d. h. die Gefühle von den Emp- 
findungen — zu sondern. Das wäre der erste Projektionsvorgang, die 
Ur projektion, und den so vorgezeichneten Weg dürfte der später 
paranoisch Werdende dazu benutzen, um noch mehr vom Ich in die 
Außenwelt zu drängen. 

Ein mehr-minder großer Teil der Außenwelt läßt sich aber nicht 
so leicht vom Ich abwälzen, sondern drängt sich ihm immer wieder auf, 
es gleichsam herausfordernd: „Kämpf mit mir oder sei mein Freund". 
(Wagner, Götterdämmerung, I. Akt.) Hat das Individuum unerledigte 
Affekte zur Verfügung, und die hat es bald, so folgt es dieser Auf- 
forderung, indem es sein „Interesse" vom Ich auf einen Teil der Außen- 
welt ausdehnt. Das erste Lieben und Hassen ist eine Übertragung 
der autoerotischen Lust- und Unlustgefühle auf die Objekte, die jene 
Gefühle verursachen. Die erste Objektliebe und der erste Objekt- 
haß sind gleichsam die UrÜbertragungen, die Wurzeln jeder 
künftigen Introjektion. 

Freuds Entdeckungen auf dem Gebiete der Psychopathologie 
des Alltagslebens überzeugen uns, daß die Fähigkeit des Projizierens 
und Verschiebens auch beim erwachsenen Normalmenschen nicht 
ruht und oft über das Ziel hinausschießt. Auch die Art, wie der Kultur- 
mensch sein Ich in die Welt einordnet, seine philosophische und religiöse 
Metaphysik ist nach Freud nur Metapsychologie, zumeist eine Pro- 
jektion von Gefühlsregungen in die Außenwelt. Wahrscheinlich ist aber 
neben der Projektion auch die Introjektion für die Weltauffassung der 
Menschen bedeutsam. Die große Rolle, die der Vermenschlichung un- 
belebter Dinge in der Mythologie zukommt, scheint dafür zu sprechen. 
Kleinpauls geistvolles Werk über die Entwicklung der Sprache 1 ), 
auf dessen psychologische Bedeutsamkeit uns Abraham 2 ) aufmerksam 



*) Klein paul, Das Stromgebiet der Sprache. Leipzig, Wilh. Friedrich, 1893. 
2 ) Abraham, Traum und Mythos. Wien, Deuticke, 1909. 



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12 S. Ferenczi. 

machte, zeigt überzeugend, wie es dem Menschen gelingt, die ganze 
tönende und nichttönende Mitwelt mit den Mitteln des Ichs darzustellen, 
wobei kein Mittel der Projektion und Introjektion unversucht bleibt. 
Die Art, wie bei der Sprachbildung eine Reihe von menschlich- 
organischen Tönen und Geräuschen auf Grund der oberflächlichsten 
akustischen Analogie und des minimalsten „ätiologischen Anspruches" 
mit einem Dinge identifiziert wird, erinnert lebhaft an die eben erwähnten 
Übertragungsbrücken der Neurosen. 

Der Neurotische benutzt also einen auch von den 
Normalen vielbegangenen Weg, wenn er die freiflottie- 
renden Affekte durch Ausweitung des Interessenkreises, 
also durch Introjektion zu mildern sucht und wenn er 
seine Affekte an alle möglichen Objekte, die ihn nichts 
angehen, verschwendet, um Affektbeziehungen zu gewissen 
Objekten, die ihn nahe angehen, unbewußt lassen zu 
können. 

Oft gelingt es, in der Analyse der Neurotiker diese Ausweitung 
des Interessenkreises historisch zu verfolgen. So hatte ich eine Patientin, 
die bei der Lektüre eines Romans an sexuelle Ereignisse der Kindheit 
erinnert wurde und im Anschlüsse daran eine Phobie vor Romanen 
produzierte, die sie später auf Bücher überhaupt, endlich auf alles Ge- 
druckte ausdehnte. Die Flucht vor der Masturbationsneigung ver- 
ursachte bei einem meiner Zwangsneurotiker eine Phobie vor den 
Anstandsorten (wo er seinerzeit dieser Neigung frönte); später wurde 
daraus eine Klaustrophobie: Furcht vor Alleinsein in jedem geschlossenen 
Räume. Von der psychischen Impotenz konnte ich nachweisen, daß 
sie in sehr vielen Fällen durch die Übertragung des Respektes vor der 
Mutter oder Schwester auf alle Frauen bedingt ist 1 ). Bei einem Maler 
erwies sich die Lust am Anschauen der Dinge und damit die Berufswahl 
als „Ersatz" für Dinge, die er als Kind nicht betrachten durfte. 

Die experimentelle Bestätigung dieser Introjektionsneigung der 
Neurotischen können wir in den von Jung ausgeführten Assoziations- 
versuchen finden 2 ). Als das für Neurose Charakteristische bezeichnet 
Jung die verhältnismäßig sehr hohe Zahl von „Komplexreaktionen": 
die Reizworte werden vom Neurotiker „im Sinne seines Komplexes 



J ) Ferenczi, Analytische Deutung und Behandlung der psychosexucllen 
Impotenz beim Manne. (Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift 1908.) 

2 ) Jung, Diagnostische Assoziationsstudien. Leipzig, J. A. Barth, 1906. 



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Introjektion und Übertragung. 13 

gedeutet". Der Gesunde antwortet rasch mit einem indifferenten, in- 
haltlich oder klanglich assoziierten Reaktionsworte. Beim Neurotischen 
bemächtigen sich die ungesättigten Affekte des Reizwortes und ver- 
suchen es in ihrem Sinne auszubeuten, wozu ihnen die mittelbarste 
Assoziation gut genug ist. Die Reizworte lösen also eigentlich 
die komplizierte Reaktion nicht aus, sondern die reiz- 
hungrigen Affekte der Neurotischen kommen ihnen ent- 
gegen. Will man das neu geprägte Wort anwenden, so kann man sagen, 
daß der Neurotische die Reizworte des Experimentes in- 
trojiziert. 

Man wird mir einwenden, daß die Erweiterung des Interessen- 
kreises, die Identifizierung des Ichs mit vielen Menschen, ja mit der 
ganzen Menschheit, die Empfänglichkeit für die Reize der Außenwelt 
Eigenschaften sind, mit denen auch die Normalen, ja besonders die 
hervorragendsten Vertreter des Menschengeschlechtes ausgestattet 
sind, — daß man also die Introjektion nicht als den für Neurosen 
typischen und charakteristischen psychischen Mechanismus bezeichnen 
darf. Diesem Einwand müssen wir die Erkenntnis entgegenhalten, daß 
es die vor Freud angenommenen fundamentalen Unterschiede zwischen 
Normalen und Psychoneurotischen nicht gibt. Freud zeigte uns, daß 
,,die Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich und allein 
zukommenden psychischen Inhalt haben" und nach Jungs Aus- 
spruch erkranken die Neurotiker an Komplexen, mit denen wir alle 
kämpfen. Der Unterschied zwischen beiden ist nur ein quantitativer und 
praktisch wichtiger. Der Gesunde überträgt seine Affekte und identi- 
fiziert sich auf Grund viel besser motivierbarer „ätiologischer Ansprüche" 
als der Neurotische, vergeudet also nicht so sinnlos seine psychischen 
Energien wie dieser. 

Ein anderer Unterschied, auf dessen prinzipielle Bedeutsamkeit 
Professor Freud aufmerksam machte, ist der, daß dem Gesunden 
der größte Teil seiner Introjektionen bewußt ist, während sie beim 
Neurotischen zumeist verdrängt bleiben, sich in unbewußten Phantasien 
ausleben und nur indirekt, symbolisch dem Kundigen zu erkennen geben. 
Sehr oft erscheinen sie sogar in Form von „Reaktionsbildungen", als 
übermäßige Betonung einer der unbewußten gegensätzlichen Gefühls- 
strömung im Bew JJten. 

Daß von allen diesen Dingen, von Übertragungen auf den Arzt, 
von Introjektionen, in der vorfreudschen Neurosenliteratur nichts 



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14 S. Ferenczi. 

enthalten ist, — ga ne les empechait pas d'exister. — Damit will ich auch 
jenen Kritikern geantwortet haben, die die positiven Ergebnisse der 
Psychoanalyse als der Nachprüfung nicht wert a limine ablehnen, der 
von uns selbst hervorgehobenen Ansicht von den Schwierigkeiten 
dieser Forschungsmethode aber ohne weiteres Glauben schenken und 
sie als Waffe gegen cfie neue Richtung gebrauchen. So begegnete mir 
unter anderem der Einwurf, daß die Psychoanalyse gefährlich sei, 
weil sie Übertragungen auf den Arzt schaffe, wobei bezeichnenderweise 
immer nur von der erotischen, niemals von der negativen Übertragung 1 ) 
gesprochen wird. 

Ist aber die Übertragung gefährlich, so werden alle Nervenärzte, 
auch die Gegner Freuds, konsequenterweise die Beschäftigung mit 
Neurotikern aufgeben müssen, denn immer mehr kommen wir zur Über- 
zeugung, daß die Übertragung auch in der nichtanalytischen und nicht- 
psychotherapeutischen Behandlung der Psychoneurosen die größte, 
wahrscheinlich die einzig wichtige Rolle spielt, nur daß bei diesen Be- 
handlungsmethoden — wie Freud mit Recht hervorhebt — nur 
die positiven Gefühle dem Arzte gegenüber zu Worte kommen, da die 
Kranken beim Auftauchen von unfreundlichen Übertragungen sich 
vom „antipathischen" Arzte losreißen. Die positiven Übertragungen 
werden aber vom nichts ahnenden Arzte übersehen und die Heilwirkung 
den physikalischen Maßnahmen oder der unklar erfaßten ,, Suggestion* ' 
zugeschrieben. 

Am deutlichsten zeigt sich die Übertragung bei der Behandlung 
mit Hypnose und Suggestion, wie .ich es im folgenden Kapitel 
dieser Arbeit ausführlicher darzulegen versuche. 

Seitdem ich von Übertragungen etwas weiß, erscheint mir eben 
das Vorgehen jener Hysterika, die nach Beendigung der Suggestionskur 
meine Photographie verlangte, um — wie sie sagte — beim Anblick 
derselben an meine Worte erinnert zu werden, im richtigen Lichte. Sie 
wollte einfach ein Andenken von mir haben, der ich ihrer von Konflikten 
geplagten Seele durch Streicheln ihrer Stirne, durch freundlich mildes 
Zureden, durch ungestörtes Phantasierenlassen im halbdunkeln Zimmer 

*) Die praktische Bedeutsamkeit und exzeptionelle Stellung jener Art 
von Introjektionen, die die Person des Arztes zum Gegenstande haben und bei 
der Analyse aufgedeckt werden, erfordert es, daß für diese der von Freud gegebene 
Terminus „Übertragungen" beibehalten werde. Die Bezeichnung „Introjektion" 
wäre für alle anderen Fälle des gleichen psychischen Mechanismus anwendbar. 

28* 



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Introjektion und Übertragung. 15 

so angenehme Viertelstunden verschaffte. Einer andern Patientin mit 
Waschzwang entschlüpfte einmal bei der Analyse sogar das Geständnis, 
daß sie einem sympathischen Arzte zuliebe oft imstande war ihre 
Zwangshandlung zu unterdrücken. 

Dies sind keine Ausnahmsfälle, sondern repräsentieren den Typus 
und dienen zur Erklärung nicht nur der hypnotischen und suggestiven, 
sondern auch aller ,, Heilungen* ' der Psychoneurotischen mittels 
Elektro-, Mechano-, Hydrotherapie und Massage. 

Es soll nicht geleugnet werden, daß rationellere Lebensbe- 
dingungen die Ernährung heben, die Stimmung bessern und hier- 
durch die Bewältigung von psychoneurotischen Symptomen einiger- 
maßen unterstützen können; die hauptsächliche Heilpotenz bei all 
diesen Kuren ist aber die unbewußte Übertragung, wobei die verkappte 
Befriedigung libidinöser Tendenzen (bei der Mechanotherapie die 
Erschütterung, bei der Hydrotherapie und Massage das Reiben der 
Haut) sicherlich eine Rolle spielt. 

Professor Freud faßt diese Überlegungen in dem Ausspruche 
zusammen, daß man den Neurotischen behandeln mag wie 
immer: er behandelt sich immer psychotherapeutisch, das 
heißt mit Übertragungen. Was wir als Introjektionen und sonstige 
Krankheitssymptome beschreiben, sind — nach Freuds Ansicht, 
der ich vollkommen beipflichten muß — eigentlich autodidaktisch 
erlernte Heilungsversuche des Kranken. Denselben Mechanismus be- 
tätigt er aber, wenn ihm ein heilen wollender Arzt begegnet: er versucht 
— meist ganz unbewußt — zu „übertragen" und wenn es ihm gelingt, 
so ist die Besserung des Zustandes die Folge. 

Man könnte mir einwenden, daß die nichtanalytischen Be- 
handlungsmethoden, indem sie — wenn auch unbewußt — den von der 
kranken Psyche automatisch eingeschlagenen Weg befolgen und mit 
Übertragungen heilen, im Rechte seien. Die Übertragungstherapie sei 
also gleichsam ein ,, Naturheil verfahren", die Psychoanalyse dagegen 
etwas Künstliches, der Natur Aufgezwungenes. Dieser Einwurf wäre 
unwiderlegbar. Der Kranke „ heilt" seine seelischen Konflikte tat- 
sächlich durch Verdrängung, Verschiebung und Übertragung unlieb- 
samer Komplexe; leider entschädigt sich das Verdrängte durch die 
Schaffung ,, kostspieliger Ersatzbildungen" (Freud), so daß wir die 
Neurosen als mißlungene Heilungsversuche (Freud) ansehen 
müssen, wo wirklich „medicina pejor morbo". Sehr falsch wäre es, auch 
hier sklavisch der Natur nachmachen zu wollen und ihr auf einer Fährte 



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16 S. Ferenczi. 

zu folgen, wo sie im gegebenen Falle ihre Unfähigkeit erwiesen hat. Die 
Psychoanalyse will individualisieren, was die Natur ver- 
schmäht; die Analyse trachtet Individuen lebens- und aktionsfähig 
zu machen, die bei dem summarischen Verdrängungsverfahren der um 
die schwächlichen Einzelwesen sich nicht kümmernden Natur zugrunde- 
gingen. Es genügt hier nicht, die verdrängten Komplexe mit Hilfe 
der Übertragung auf den Arzt um ein Kleines weiter zu verschieben, ihre 
Affektspannung zum Teil zur Entladung zu bringen und hierdurch eine 
temporäre Besserung zu erzielen. Will man dem Kranken ernstlich 
helfen, so muß man ihn durch die Analyse dazu bringen, daß er — 
entgegen dem Unlustprinzipe — die Widerstände (Freud), die ihm 
den Anblick der eigenen ungeschminkten seelischen Physiognomie 
verwehren, überwindet. 

Die heutige Neurologie will aber von Komplexen, Widerständen 
und Introjektionen nichts wissen, und bedient sich ganz unbewußt eines 
in vielen Fällen wirklich wirksamen psychotherapeutischen Mittels, 
der Übertragung; sie heilt gleichsam ,, unbewußt", bezeichnet sogar 
das eigentliche wirksame Prinzip aller Heilmethoden der Psychoneu- 
rosen als eine Gefahr. 

Wem die Übertragungen gefährlich vorkommen, der muß die 
nicht-analytischen Behandlungsmethoden, die die Übertragungen ver- 
stärken, viel strenger verdammen, als die Psychoanalyse, die dieselben 
ehemöglichst aufzudecken und zu lösen sucht. 

Ich leugne aber, daß die Übertragung etwas Schädliches sei, ver- 
mute vielmehr, daß sich — wenigstens in der Neurosenpathologie — 
jener tief in der Volksseele wurzelnde uralte Glaube bewahrheiten wird, 
daß man Krankheiten mit „Sympathie" heilen kann. Diejenigen 
die uns spöttisch vorwerfen, „alles aus einem Punkte" erklären und 
kurieren zu wollen,' sind noch viel zu sehr von jener asketisch-religiösen, 
alles Sexuelle geringschätzenden Weltanschauung beeinflußt, die der Ein- 
sicht in die große Bedeutung der Libido für das normale und pathologische 
Seelenleben seit nahezu zweitausend Jahren hinderlich im Wege steht. 

II. Die Rolle der Übertragung bei der Hypnose 
nnd Suggestion. 

Die Pariser neurologische Schule (Schule Charcot) betrachtete 
peripher und zentral auf das Nervensystem einwirkende Reize (optische 
Fixierung von Gegenständen, Streichelung der Kopfhaut usw.) als 



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lntrojektion und Übertragung. 17 

Hauptfaktoren bei den hypnotischen Erscheinungen. Die Schule Bern- 
heims dagegen (Schule von Nancy) sieht in diesen und ähnlichen 
Reizen nur Vehikel zur „Eingebung" von Vorstellungen, speziell im 
Hypnotisieren das Vehikel zur Einführung der Vorstellung des Ein- 
schlafens. Die gelungene Eingebung der Schlafvorstellung soll dann 
imstande sein eine Art „Dissoziationszustand des Gehirns" hervor- 
zurufen, in dem man weiteren Suggestionen besonders leicht zugänglich 
sei, d. h. die Hypnose. Dies war ein gewaltiger Fortschritt, der erste 
Versuch einer von unberechtigten physiologischen Phrasen befreiten, 
rein psychologischen Erklärung der hypnotischen und Suggestions- 
phänomene; ganz zufriedenstellen konnte aber auch diese unser Kau- 
salitätsbedürfnis nicht. Es war von vornherein unwahrscheinlich, daß 
das Fixieren eines glänzenden Gegenstandes die Hauptursache so tief- 
greifender Veränderungen im Seelenleben des Menschen, wie die Hypnose 
sie zeitigt, sein könne. Nicht viel größer ist aber die Plausibilität der 
Annahme, daß eine dem wachen Menschen „eingegebene" Vorstellung, 
die Idee des Schlafens, ohne die unumgängliche Mithilfe viel gewaltigerer 
psychischer Kräfte, solche Veränderungen verursachen könne. Alles 
spricht vielmehr dafür, daß beim Hypnotisieren und Suggerieren die 
Hauptarbeit nicht der Hypnotiseur und Suggereur, sondern die Person 
selbst verrichtet, die bisher zumeist nur als „Gegenstand" der Einge- 
bungsprozeduren in Betracht kam. Die Existenz der Autosuggestion 
und Autohypnose einerseits, die durch die Individualität des „Mediums" 
gesteckten Grenzen der produzierbaren Erscheinungen anderseits sind 
schlagende Beweise dafür, eine wie untergeordnete Rolle in der Kau- 
salitätskette dieser Erscheinungen dem Eingreifen des Experimentators 
eigentlich zukommt. Trotz dieser Erkenntnis blieben aber die Bedin- 
gungen der intrapsychischen Verarbeitung von Suggestionseinflüssen 
in tiefes Dunkel gehüllt. 

Die psychoanalytische Untersuchung Nervenkranker nach der 
Methode Freuds verhalf uns erst zu Einblicken in die Seelen Vorgänge, 
die sich bei Suggestion und Hypnose abspielen. Die Psychoanalyse 
gestattete uns mit Sicherheit festzustellen, daß der Hypnotiseur 
der Mühe der Hervorrufung jenes „Dissoziationszustandes" (der er 
übrigens kaum gewachsen wäre) enthoben ist, da er doch die Disso- 
ziation, d. h. das Nebeneinanderbestehen verschiedener Schichten (nach 
Freud „Lokalitäten", „Arbeitsweisen") der Seele auch beim wachen 
Menschen fertig vorfindet. Nebst der sicheren Feststellung dieser 
Tatsache gab aber die Psychoanalyse auch über den Inhalt jenei 

Ferenczi, Introjektion und Übertragung. 2 

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18 S. Ferenczi. 

Vorstellungskomplexe und über die Richtung jener Affekte, die die 
beim Hypnotisiert- und Suggeriertwerden tätige unbewußte Schichte 
der Psyche ausmachen, vordem ungeahnte Auskünfte. Es stellte sich 
heraus, daß im „Unbewußten" (im Sinne Freuds) alle im Laufe der 
individuellen Kulturentwicklung verdrängten Triebe aufgestapelt sind 
und daß deren ungesättigte, reizhungrige Affekte stets bereit sind, 
auf die Personen und Gegenstände der Außenwelt zu „übertragen", 
dieselben mit dem Ich unbewußt in Beziehung zu bringen, zu 
„introjizieren". Vergegenwärtigen wir uns in diesem Sinne den 
psychischen Zustand des Menschen, dem etwas suggeriert werden 
soll, so ergibt sich eine prinzipiell bedeutungsvolle Verschiebung des 
früheren Standpunktes. Die unbewußten seelischen Mächte des 
„Mediums" erscheinen als das eigentlich Aktive, während der früher 
allmächtig gedachte Hypnotiseur sich mit der Rolle eines Objektes 
bescheiden muß, dessen sich das Unbewußte des scheinbar wider- 
standslosen „Mediums" je nach seiner individuellen und aktuellen 
Disposition bedient. 

Unter den psychischen Komplexen, die im Laufe der Kindheit 
fixiert für die ganze spätere Lebensgestaltung von außerordentlich hoher 
Bedeutung bleiben, stehen die „Elternkomplexe" obenan. Die Er- 
fahrung Freuds, daß diese Komplexe die Grundlage für die Symptome 
aller Psychoneurosen der Erwachsenen hergeben, wird von allen, die 
sich ernstlich mit diesen Problemen befassen, bestätigt. Mein Versuch, 
die Ursachen der psychosexuellen Impotenz analytisch zu erforschen, 
führte zum Ergebnisse, daß auch dieser Zustand in einer sehr großen 
Zahl von Fällen durch „inzestuöse Fixierung" der Libido (Freud) 
verursacht ist, d. h. durch allzu feste — wenn auch ganz unbewußte — • 
Verankerung der sexuellen Wünsche an die Personen der nächsten 
Verwandtschaft, besonders der Eltern. Ich habe mit dieser Fest- 
stellung ähnliche Beobachtungen von Steiner und W. St ekel be- 
stätigen können. Eine beträchtliche Bereicherung unseres Wissens über 
die dauernde Nachwirkung der elterlichen Einflüsse verdanken wir 
C. G. Jung 1 ) und K. Abraham 2 ). Ersterer wies nach, daß die Psycho- 
neurosen meist aus einem Konflikt zwischen der (unbewußten) Eltern- 
konstellation und dem Bestreben nach individueller Selbständigkeit 
entstehen. Letzterer demaskiert die Neigung zum Unverehelichtbleiben 

*) G. Jung, Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen. 
2 ) K. Abraham, Stellung der Verwandtenehen in der Psychologie der Neu- 
rosen. Beide in diesem Jahrbuch, I. Jahrgang, 1. Halbband. 



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iDtrojektion und Übertragung. 19 

oder zum Heiraten nahe Verwandter als ein Symptom derselben psychi- 
schen Konstellierung. Auch J. Sadger 1 ) hat sich um die Aufdeckung 
dieser Beziehungen verdient gemacht. 

Für die psychoanalytische Betrachtungsweise gilt es aber als 
ausgemacht, daß es zwischen den „normalen" und „psychoneurotischen" 
Seelenvorgängen nur quantitative Unterschiede gibt und daß die Er- 
gebnisse der Seelenerforschung von Psychonervösen, mutatis mutandis, 
auch in der Normalpsychologie verwertbar sind. Es war also von vorn- 
herein wahrscheinlich, daß die Suggestionen, die ein Mensch einem 
andern „eingibt", dieselben Komplexe in Bewegung setzt, die wir bei 
den Neurosen in Tätigkeit sehen. Es muß aber hervorgehoben werden, 
daß mich in Wirklichkeit nicht diese aprioritische Erwartung, sondern 
reale Erfahrungen bei der Psychoanalyse zu dieser Einsicht führten. 

Freud ist es zuerst aufgefallen, daß man bei den Analysen 
manchmal auf große Widerstände stößt, die das Fortsetzen der Arbeit 
unmöglich zu machen scheinen und es wirklich hintanhalten, bis es 
gelingt, dem zu analysierenden einwandfrei darzutun, daß dieses 
Widerstreben eine Reaktion auf unbewußte Sympathiegefühle ist, die 
eigentlich anderen Personen gelten, aber aktuell zur Person des Ana- 
lysierenden in Beziehung gebracht worden sind. 

Andere Male beobachtet man an den Analysierten eine an An- 
betung grenzende Begeisterung für den Arzt, die — wie alles andere — 
der Analyse unterzogen wird. Es stellt sich dann heraus, daß der Arzt 
auch hier als Deckperson zum Ausleben von meist sexuellen Affekten 
gedient hat, die eigentlich anderen, für den Analysierten viel bedeutungs- 
volleren Persönlichkeiten gelten. Sehr oft wird aber die Analyse durch 
unmotivierten Haß, Furcht und Angst des Patienten dem Arzte gegen- 
über unliebsam gestört, die sich im Unbewußten nicht auf den Arzt, 
sondern auf Personen beziehen, an die der Patient aktuell gar nicht 
denkt. Indem wir dann mit dem Patienten die Reihe von Persönlich- 
keiten, denen diese Affekte positiver und negativer Art eigentlich gelten, 
durchgehen, stoßen wir oft zunächst auf solche, die in der unmittel- 
baren Vergangenheit des Patienten eine Rolle gespielt haben (z. B. 
Gattin, Geliebte), dann kommen unerledigte Affekte der Jugendzeit 
(Freunde, Lehrer, Heldenphantasien) und schließlich gelangen wir 
meist nach Überwindung größter Widerstände zu verdrängten Ge- 

*) J. Sadger, Psychiatrisch -Neurologisches in psychoanalytischer Be- 
leuchtung. (Zentralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin und ihrer Hilfswissen- 
schaften, Jahrgang 1908, Nr. 7 und 8.) 

2* 



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20 S. Ferenczi. 

danken sexuellen, gewalttätigen und ängstlichen Inhaltes, die sich auf 
die nächsten Verwandten, besonders auf die Eltern, beziehen. Es 
stellt sich so heraus, daß tatsächlich in jedem Menschen das lieben- 
wollende, dabei furchtsam-ängstliche Kind weiterlebt, und daß alles 
spätere Lieben, Hassen und Fürchten nur Übertragungen oder, wie 
Freud sagt, „Neuauflagen" von Gefühlsströmungen sind, die in der 
ersten Kindheit (vor dem vollendeten 4. Jahre) erworben und später 
verdrängt worden sind. 

Im Besitze dieser Kenntnisse war es kein allzu gewagter Schritt 
mehr, anzunehmen, daß die merkwürdige Pienipotenz, mit der wir 
als Hypnotiseure über alle psychischen und Nervenkräfte des „Me- 
diums" verfügen, nichts anderes als Äußerungen verdrängter infantiler 
Triebregungen des Hypnotisierten sind. Ich fand diese Erklärung 
viel beruhigender als die Annahme der dissoziationerzeugenden Fähig- 
keit einer Eingebung, die einen ja vor seiner Gottähnlichkeit bange 
machen müßte. 

Ein naheliegender Einwand auf diese Überlegungen wäre die 
Bemerkung, daß es ja längst bekannt sei, daß Sympathie und Respekt 
das Zustandekommen suggestiver Beeinflußbarkeit sehr begünstigen. 
Diese Tatsache konnte ja den tüchtigen Beobachtern und Experimen- 
tatoren auf diesem Gebiete nicht entgehen. Was aber bislang nicht 
bekannt war und nur mit Hilfe der Psychoanalyse erkannt werden 
konnte, ist erstens, daß diese unbewußten Affekte die Hauptrolle beim 
Zustandekommen jeder Suggestionswirkung spielen, zweitens, daß sie 
sich in ultima analysi als Manifestationen libidinöser Trieb- 
regungen darstellen, die zumeist von den Vorstellungs- 
komplexen der kindlich- elterlichen Beziehungen auf die 
Relation Arzt -Patient übertragen wurden. 

Daß Sympathie oder Antipathie zwischen Hypnotiseur und 
Medium das Gelingen des Experimentes sehr beeinflußt, war wie gesagt 
auch vordem allgemein anerkannt. Unbekannt war aber der Umstand, 
daß die Gefühle der „Sympathie" und „Antipathie" hoch zusammen- 
gesetzte, noch weiterer Analyse zugängliche psychische Gebilde und 
nach Freuds Methode in ihre Elemente zerlegbar sind. Bei der Zer- 
legung findet man in ihnen die primären unbewußten libidinösen 
Wunschregungen als Unterlage und darüber einen unbewußten und 
vorbewußten psychischen Überbau. 

In den tiefsten Schichten der Psyche, wie beim Beginne der 
psychischen Entwicklung herrscht noch das rohe Unlustprinzip, der 



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Introjektion und Übertragung. 21 

Drang nach unmittelbarer, motorischer Befriedigung der Libido; das 
ist die Schichte (oder das Stadium) des Autoerotismus nach Freud. 
Diese Region in der Schichtung der Psyche eines Erwachsenen ist 
als direkte Reproduktion meist nicht mehr zu erreichen; sie muß aus 
ihren Symptomen erschlossen werden. 

Was reproduzierbar ist, gehört zumeist schon der Schichte (dem 
Stadium) der Objektliebe (Freud) an und die ersten Objekte der 
Liebe sind die Eltern. 

Alles drängt nun zur Annahme, daß jedem „Sympathie- 
gefühl" eine unbewußte „sexuelle Stellungnahme" zu- 
grunde liegt und daß, wenn zwei Menschen sich begegnen (ob 
des gleichen oder verschiedenen Geschlechtes) das Unbewußte stets 
den Versuch der Übertragung macht. („Im Unbewußten gibt es kein 
„Nein" .... „Das Unbewußte kann nichts als wünschen" sagt Freud.) 
Gelingt es dem Unbewußten, diese Übertragung, sei es in rein sexueller 
(erotischer), sei es in sublimierter, versteckter Form (Achtung, Dank- 
barkeit, Freundschaft, ästhetisches Wohlgefallen usw.) dem Bewußtsein 
annehmbar zu machen, so kommt es zur „Sympathie" zwischen den 
beiden. Antwortet das Vorbewußte mit Verneinung der stets positiven 
unbewußten Lust, so entsteht, je nach dem Kräfteverhältnis beider 
Instanzen zu den verschiedenen Graden der Antipathie bis zum Ekel 1 ). 

1 ) Daß das Gefühl der Antipathie, des Ekels aus Lust und Unlust, Gefallen und 
Mißfallen zusammengesetzt ist, fand ich in einem auch von Herrn Professor Freud 
untersuchten Falle von paranoischem Eifersuchtswahn bei einer Frau aus den gebil- 
deten Ständen besonders schön ausgeprägt. Als Grundursache ihres Leidens ent- 
puppte sich die infantile Homosexualität, die seinerzeit von der Mutter auf 
weibliche Wartepersonen, dann auf kleine Freundinnen übertragen und ausgiebig 
betätigt wurde. Die Enttäuschungen des Ehelebens hatten das Zurückströmen 
der Libido in „infantile Kanäle" zur Folge, inzwischen ist aber diese Art von 
sexueller Lust ihr unerträglich geworden. Sie projizierte also dieselbe auf ihren 
Mann (den sie früher hebte) und beschuldigte ihn der Untreue. Merkwürdiger- 
weise verdächtigte sie ihn immer nur mit ganz jungen, 12- bis 13 jährigen, oder sehr 
alten, häßlichen Frauenspersonen, meist Dienstboten, die sie „antipathisch" 
oder gar „ekelhaft" fand. Wo sie sich das Gefallen in sublimierter Form (ästhetisches 
Gefallen, Freundschaft) eingestehen konnte, also bei hübschen Personen aus ihrem 
Gesellschaftskreise, da konnte sie lebhafte Sympathie empfinden, und diesen 
gegenüber äußerte sie auch keine Wahnideen. Daß wir ein Gemenge von süß und 
bitter „ekelhaft" finden, dürfte ähnliche psychologische Ursachen haben, wie auch 
die Idiosynkrasie gegenüber Speisen und Getränken von gewisser Farbe und Kon- 
sistenz die Reaktion auf infantile, meist mit der Kopro- und Urophilie zusammen- 
hängende verdrängte Wunschregungen ist. Der Reiz zum Spucken und Er- 
brechen beim Anblicke „ekelhafter" Dinge ist nur die Reaktion auf 
den unbewußten Wunsch, diese Dinge in den Mund zu nehmen. 



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22 S. Ferenczi. 

Als klassischen Zeugen für die Wirklichkeit der allen Personen 
gegenüber sich äußernden „sexuellen Stellungnahme" führe ich 
Freuds Patientin Dora aus dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse' f 
an. Im Laufe der — nicht einmal vollständigen — Analyse stellte 
sich heraus, daß ihre Sexualität keiner einzigen Person ihrer Umgebung 
gegenüber indifferent blieb. Die beiden Ehehälften der befreundeten 
Familie K., die Gouvernante, der Bruder, die Mutter, der Vater: alle 
regten ihre sexuelle Libido an. Dabei war sie im Bewußten — wie die 
meisten Neurotiker — eher spröde und negativistisch und hatte keine 
Ahnung davon, daß hinter ihren schwärmerischen Freundschaften, 
ihren Sympathien und Antipathien sich sexuelle Wünsche versteckten. 

Dora ist aber keine Ausnahme, sondern ein Typus. So wie ihre 
Psyche analysiert vor uns dasteht, gibt sie ein getreues Abbild des 
inneren Menschen überhaupt, denn bei genügender Vertiefung in das 
Seelenleben eines jeden (ob „normalen" oder neurotischen) Menschen 
können wir, von quantitativen Verhältnissen abgesehen, dieselben 
Erscheinungen wiederfinden. 

Die Hypnotisierbarkeit und suggestive Beeinfluß- 
barkeit eines Menschen hängt also von der Möglichkeit 
der „Übertragung" oder, offener gesagt, der positiven 
wenn auch unbewußten sexuellen Stellungnahme des zu 
Hypnotisierenden dem Hypnotiseur gegenüber ab; die 
Übertragung aber, wie jede „Objektliebe", hat ihre letzte 
Wurzel in dem verdrängten Elternkomplex 1 ). 

Weitere Indizienbeweise für die Richtigkeit dieser Auffassung 
erhält man, wenn man die praktischen Erfahrungen über die Be- 
dingungen der Hypnotisierbarkeit und Suggestibilität in Betracht zieht. 

Es ist auffallend, wie sehr die Verhältniszahl der gelungenen 
Hypnosen bei den einzelnen Autoren differiert. Der eine erzielt nur 
in 50%, der andere in 80—90, ja 96% der Fälle einen positiven Erfolg. 
Nach der übereinstimmenden Überzeugung erfahrener Hypnotiseure 
gehört zur Eignung zu diesem Beruf eine Anzahl äußerer und innerer 
Eigenschaften (eigentlich nur äußerer, denn auch die „inneren" müssen 
sich in äußerlich bemerkbaren Ausdrucksbewegungen und in Art und 
Inhalt der Rede manifestieren, die ein schauspielerisches Talent auch 
ohne Überzeugung leisten kann). Sehr erleichtert wird die Hypnose 

*) Da ich von der Richtigkeit der Ansicht Bern hei ms, daß die Hypnose 
nur eine Form der Suggestion (suggerierter Schlaf) ist, überzeugt bin, lege ich kein 
Gewicht auf das scharfe Auseinanderhalten beider Bogriffe und gebrauche hier 
oft den einen für beide. 



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Introjektion und Übertragung. 23 

durch imponierendes Aussehen des Hypnotiseurs; einen „imposanten'* 
Menschen denkt man sich aber oft mit einem langen, womöglich 
schwarzen Barte (Svengali); für den Mangel dieses Attributes der 
Männlichkeit können mächtige Statur, dichte Augenbrauen, durch- 
dringender Blick, strenger, aber vertrauenerweckender Gesichtsaus- 
druck entschädigen. Daß die Selbstsicherheit im Auftreten, der Ruf 
früherer Erfolge, die hohe Achtung, die einen berühmten Gelehrten 
umgibt, auch das seinige zum Gelingen der Suggestionswirkung bei- 
trägt, wird allgemein anerkannt. Große Höhen- und Rangunterschiede 
in der gesellschaftlichen Stellung zugunsten des Hypnotiseurs erleichtern 
das Zustandekommen von Suggestionswirkungen. Ich war während 
meines Militärdienstes Zeuge, wie ein Infanterist auf Geheiß seines 
Oberleutnants augenblicklich einschlief. Es war ein „coup de foudre". 
Meine ersten hypnotischen Versuche, die ich als Student an den Lehr- 
lingen aus der Buchhandlung meines Vaters vornahm, gelangen aus- 
nahmslos; später hatte ich bei weitem nicht so hohe „Prozente", 
allerdings fehlte es mir später an der absoluten Selbstsicherheit, die 
einem nur die Unwissenheit verleihen kann. 

Die Befehle müssen bei der Hypnose so bestimmt und sicher 
gegeben werden, daß dem zu Hypnotisierenden der Widerspruch ganz 
unmöglich vorkommen soll. Als Grenzfall dieser Art von Hypnose mag 
die „Überrumplungshypnose" durch Anschreien, Erschrecken gelten, 
wobei nebst der Strenge des Tones verzerrte Mienen, geballte Fäuste 
von Nutzen sein können. Diese Überrumplung kann — ähnlich dem 
Anblicke des Medusenhauptes — die sofortige Schrecklähmung, die 
Katalepsie des dazu Disponierten zur Folge haben. 

Es gibt aber auch eine ganz andere Methode der Einschläferung; 
die Requisiten derselben sind: ein halbdunkles Zimmer, absolute Stille, 
freundlich-mildes Zureden in monotoner, leicht melodischer Sprache 
(worauf großes Gewicht gelegt wird), dabei können leichtes Streicheln 
der Haare, der Stirne, der Hände als unterstützende Maßnahmen 
dienen. 

Im allgemeinen kann man also sagen, daß uns zwei Mittel und 
Wege zu Gebote stehen, um andere Menschen zu hypnotisieren, sug- 
gerieren, d. h. sie zum (relativ) willenlosen Gehorsam und blinden 
Glauben zu zwingen: die Angst und die Liebe. Die professionellen 
Hypnotiseure der vorwissenschaftlichen Ära dieser Heilmethode, die 
eigentlichen Erfinder der Prozeduren, scheinen aber instinktiv in 
allen Details gerade jene Arten des Ängstigens und Liebseins 



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24 S. Ferenczi. 

zur Einschläferung und zum Gefügigmachen gewählt zu haben, deren 
Wirksamkeit sich seit Jahrtausenden in dem Verhältnisse der Eltern 
zum Kinde bewährt hat. 

Der durch Schrecken und Überrumpeln Hypnotisierende mit dem 
imponierenden Äußern hat sicherlich große Ähnlichkeit mit dem Bilde, 
das sich dem Kinde vom gestrengen allmächtigen Vater, dem zu 
glauben, zu gehorchen und nachzustreben wohl die höchste Ambition 
jedes normalen Menschenkindes ist, eingeprägt haben mag 1 ). Und 
die leicht streichelnde Hand, die angenehmen, monotonen, zum Schlafen 
zuredenden Worte: sind sie nicht eine Neuauflage von Szenen, die 
sich beim Bette des Kindes zwischen ihm und der zärtlichen, Schlaf- 
lieder singenden oder Märchen erzählenden Mutter wohl viele hunderte 
Male abgespielt haben können. Und was tut man nicht alles, um der 
guten Mutter zu gefallen? 

Ich lege kein großes Gewicht auf diese Scheidung von väter- 
licher und mütterlicher Hypnose, kommt es doch gar zu oft 
vor, daß Vater und Mutter die Rolle wechseln. Ich mache nur darauf 
aufmerksam, wie die Situation beim Hypnotisieren zum bewußten 
oder unbewußten Zurückphantasieren in die Kindheit, zum Wecken 
der in jedem Menschen versteckten Remiszenzen aus der Zeit des kind- 
lichen Gehorsams geeignet ist. 

Aber auch die angeblich durch äußeren Reiz wirkenden Einschlä- 
ferungsmittel: Vorhalten eines glänzenden Gegenstandes, Anlegen einer 
tickenden Uhr ans Ohr, sind die nämlichen, mit denen es zum erstenmal 
gelang, die Aufmerksamkeit des Wickelkindes zu ,, fesseln", also sehr 
wirksame Mittel zur Weckung infantiler Erinnerungen und Gefühls- 
regungen. 

Daß auch beim gewöhnlichen spontanen Einschlafen seit der Kind- 
heit bewahrte Gewohnheiten und Zeremonien eine große Rolle spielen, 
und daß beim „Schlafengehen" autosuggestive (wir möchten sagen 
unbewußt gewordene infantile) Elemente im Spiele sind, wird neuer- 
dings von vielen, auch von solchen zugegeben, die der Psychoanalyse 
fremd oder feindlich gegenüberstehen. Alle diese Überlegungen drängen 
zur Annahme, daß es die Vorbedingung jeder erfolgreichen Suggestion 

1 ) Das in Mythos, Sage und Märchen immer wiederkehrende Riesen- 
motiv und das universelle Interesse für diese Kolossalgestalten hat gleichfalls 
infantile Wurzeln und ist ein Symptom des unsterblichen Vaterkomplexes. Diese 
Hochachtung vor den „Riesen" erscheint bei Nietzsche in ganz sublimierter 
Form als Forderung eines „Pathos der Distanz". 



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Introjektion und Übertragung. 25 

(Hypnose) ist, daß der Hypnotiseur dem zu Hypnotisierenden 
„gewachsen" sei, d. h. in ihm dieselben Gefühle der Liebe 
oder Furcht, dieselbe Überzeugung der Unfehlbarkeit er- 
wecken könne, mit denen er als Kind zu den Eltern hinauf- 
schaute. 

Zur Vermeidung von Mißverständnissen muß betont werden, daß 
die Suggestibilität, d. h. die Empfänglichkeit für Eingebungen, die 
Neigung zu blindem Glauben und Gehorsam hier nicht nur genetisch 
mit analogen psychischen Eigentümlichkeiten der Kindheit zusammen- 
hängend gedacht wird, daß vielmehr nach unserer Ansicht bei Hypnose 
und Suggestion „das im Unbewußten des Erwachsenen schlummernde 
Kind" (Freud) gleichsam wiederbelebt wird. Die Existenz dieser 
zweiten Persönlichkeit verrät sich ja nicht nur in der Hypnose, sie 
äußert sich bei Nacht in allen unseren Träumen, die — wie wir es seit 
Freud wissen — mit einem Beine stets auf Kindheitsreminiszenzen 
stehen, bei Tage aber ertappen wir unsere Psyche bei infantilen 
Tendenzen und Arbeitsweisen bei gewissen Fehlleistungen 1 ) und bei 
allen Äußerungen des Witzes 2 ). Im Innersten unserer Seele sind und 
bleiben wir eben zeitlebens Kinder. Grattez Tadulte et vous 
y trouverez Tenfant. 

Wer dieser Anschauung ganz gerecht werden will, muß natürlich 
seine hergebrachten Ansichten vom „Vergessen" gründlich ändern. 
Die analytische Erfahrung überzeugt uns mehr und mehr, daß es ein 
Vergessen, ein spurloses Verschwinden im Seelenleben ebensowenig 
gibt, wie nach unserer Ansicht eine Vernichtung von Energie oder 
Materie in der physischen Welt. Die psychischen Vorgänge scheinen 
sogar ein sehr großes Beharrungsvermögen zu besitzen und sind 
selbst nach jahrzehntelangem „Vergessen" als unverändert zusammen- 
hängende Komplexe wiedererweckbar oder aus ihren Elementen 
rekonstituierbar. 

Der günstige Zufall setzt mich in die Lage," die Ansicht, daß 
die bedingungslose Unterordnung unter einen fremden Willen einfach 
als die unbewußte Übertragung von „kindlichen", aber erotisch gefärbten 
Affekten (Liebe, Respekt) auf den Arzt zu erklären ist, mit psycho- 
analytischen Erfahrungen bei früher von mir hypnotisierten Patienten 
belegen zu können. 

*) Freud, Psychopathologie des Alltagslebens. II. Aufl., Wien, Deu ticke, 1909. 
*) Freud, Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten. Wien, 
Deuticke, 1905. 



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26 S. Ferenczi. 

I. Vor fünf Jahren hypnotisierte ich erfolgreich eine nach der 
erwiesenen Untreue des Bräutigams an Angsthysterie erkrankte Patientin. 
Vor etwa einem halben Jahre, nach dem Tode eines geliebten Neffen, 
kam sie mit der Rezidive ihres Leidens zu mir und wurde der Psycho- 
analyse unterzogen. Die charakteristischen Zeichen der Übertragung 
zeigten sich alsbald, und indem ich sie der Patientin demonstrierte, 
ergänzte sie meine Beobachtungen mit dem Geständnisse, daß sie sich 
schon damals, bei der hypnotischen Behandlung bewußten, auf die 
Person des Arztes gerichteten erotischen Phantasien hingab und meinen 
Suggestionen „aus Liebe" Folge leistete. 

Die Analyse deckte also — um mit Freud zu reden — die Über- 
tragung, die die Hypnose schuf, auf. Es scheint also, daß ich damals bei 
der Hypnose die Patientin heilte, indem ich ihr in Freundlichkeit, 
Mitleid, Trostesworten einen Ersatz für ihre den Ausbruch ihrer ersten 
Erkrankung auslösende unglückliche Liebschaft bot. Die Neigung zum 
treulosen Liebhaber war allerdings selbst nur ein Surrogat für die durch 
die Ehe verlorene Liebe der älteren Schwester, mit der sie in ihrer 
Kindheit in enger Freundschaft lebte und jahrelang mutuell onanierte. 
Ihr höchstes Leid war aber die frühzeitige Entfremdung von der sie 
früher abgöttisch liebenden und unglaublich verzärtelnden Mutter, 
ja alle späteren Liebesversuche scheinen nur Surrogate dieser ersten, 
infantilen, aber durch und durch erotischen Neigung zur Mutter gewesen 
zu sein. Nach dem Abbruche der hypnotischen Kur bemächtigte sich 
ihre Libido in ganz sublimierter, aber bei der Analyse als erotisch de- 
maskierter Art eines kleinen achtjährigen Neffen, dessen plötzlicher 
Tod die Rezidive der hysterischen Symptome auslöste. Die hypno- 
tische Fügsamkeit war hier die Folge der Übertragung, und das 
ursprüngliche, nie voll ersetzte Liebesobjekt war bei meiner Patientin 
unzweifelhaft die Mutter. 

IL Ein 28 jähriger Beamter kam vor ungefähr zwei Jahren zum 
ersten Male mit einer schweren Angsthysterie zu mir. Ich befaßte mich 
zwar bereits mit Psychoanalyse, entschloß mich aber aus äußeren Gründen 
zur Hypnose und erreichte durch einfaches Zureden („Mutterhypnose") 
eine großartige, momentane Besserung des Gemütszustandes. Der 
Patient kam aber bald mit der Rezidive der Angst zurück und ich 
wiederholte von Zeit zu Zeit mit dem gleichen, aber immer nur flüchtigen 
Erfolge die Hypnose. Als ich mich endlich zur Analyse entschloß, hatte 
ich mit der (sicherlich durch die Hypnosen großgezogenen) Über- 
tragung auf meine Person die größten Schwierigkeiten. Diese lösten sich 



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Introjektion und Übertragung. 27 

erst, als es sich herausstellte, daß er mich auf Grund oberflächlicher 
Analogien mit der ,, guten Mutter" identifiziert. Zur Mutter fühlte er 
sich aber als Kind außerordentlich hingezogen, ihre Liebkosungen waren 
ein Bedürfnis für ihn, und er gab auch zu, damals starke Neugierde für 
die sexuellen Beziehungen der Eltern verspürt zu haben; er war auf 
den Vater eifersüchtig, phantasierte sich in die Rolle des Vaters 
hinein usw. Eine Zeitlang ging die Analyse ganz glatt von statten. 
Doch wie ich ihm einmal auf eine Bemerkung etwas ungeduldig 
und abweisend antwortete, bekam er einen heftigen Angstanfall, 
und es begann eine neuerliche Störung im Fortgange der Analyse. 
Nachdem wir uns endlich über den ihn so aufregenden Zwischenfall 
ausgesprochen hatten, vertiefte sich die Analyse in die Reminiszenzen 
an ähnliche Vorkommnisse, und nun kam — nach Erledigung von 
Freundschaften mit etwas homosexuell-masochistischer Färbung und 
von unliebsamen Szenen mit Professoren und Vorgesetzten — der 
Vaterkomplex zum Vorschein. „Das schreckliche, verzerrte, 
runzlige Gesicht des zürnenden Vaters" sah er leibhaftig vor sich und 
er zitterte dabei wie Espenlaub. Zugleich kam aber auch eine Flut von 
Erinnerungen, die bezeugten, wie gerne er dennoch den Vater hatte, 
wie stolz er auf seine Stärke und Größe war. 

Es sind dies nur Episoden aus der Analyse des komplizierten Falles, 
sie zeigen aber deutlich, daß mich auch bei der Hypnose nur sein ihm 
damals noch unbewußter Mutterkomplex zur Beeinflussung des Zu- 
ßtandes befähigte. Ich hätte aber in diesem Falle wahrscheinlich mit 
ebensolchem Erfolge auch das andere Machtmittel der Suggestion : die 
Einschüchterung, das Imponieren, also das Appellieren an den Vater- 
komplex versuchen können. 

III. Der dritte Fall, den ich anführen kann, ist der eines 26jährigen 
Schneiderleins, der mich wegen seiner epileptiformen Anfälle, die ich 
aber nach der Beschreibung für hysterische hielt, um Hilfe anrief. Sein 
klägliches, unterwürfig-bescheidenes Aussehen forderte förmlich zu 
Suggestionen heraus, und in der Tat gehorchte er wie ein folgsames 
Kind allen meinen Befehlen; er bekam Anästhesien, Lähmungen usw. 
ganz nach meinem Willen. Ich unterließ es nicht, eine, wenn auch un- 
vollständige Analyse seines Zustandes vorzunehmen. Ich erfuhr dabei, 
daß er jahrelang somnambul war, bei Nacht aufstand, sich zur Näh- 
maschine setzte und an einem halluzinierten Stoffe arbeitete, bis man 
ihn weckte. Dieser Beschäftigungsdrang stammte aus der Lehrzeit bei 
einem sehr strengen Schneidermeister, der ihn oft schlug und dessen 



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28 S. Ferenczi. 

hohen Anforderungen er um jeden Preis gerecht werden wollte. Selbst- 
verständlich war auch das nur eine Deckerinnerung an den geachteten 
und gefürchteten Vater. Auch seine jetzigen Anfälle beginnen mit Be- 
schäftigungsdrang. Er glaubt eine innere Stimme zu vernehmen : „Steh 
auf!", dann setzt er sich auf, zieht das Nachthemd aus, macht Näh- 
bewegungen, die in generalisierte Krämpfe ausarten. An die motorischen 
Erscheinungen kann er sich nachträglich nicht erinnern, die weiß er 
nur von seiner Frau. Mit dem Rufe „Steh auf" hat ihn seinerzeit sein 
Vater allmorgentlich geweckt, und der Arme scheint noch immer Befehle 
auszuführen, die er als Kind vom Vater und als Lehrling vom Chef er- 
halten hat. „Man kann solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und 
Drohungen in der Kindheit bei Erkrankungsfällen beobachten, wo das 
Intervall ebensoviel (lVJ Dezennien und mehr umfaßt", sagt Freud. 
Er nennt diese Erscheinung „nachträglichen Gehorsam" 1 ). 

1 V., Ich vermute nun, daß diese Art „Nachträglichkeit" der Psycho- 
neurosen überhaupt viel Gemeinsames hat mit den posthypnotischen 
Befehlsautomatismen. Hier wie dort werden Handlungen aus- 
geführt, über deren Motive man keine oder nur unzureichende Auf- 
klärung geben kann, da man damit (in der Neurose) einen längst ver- 
drängten Befehl oder (bei der Hypnose) eine amnestisch gemachte 
„Eingebung" befolgt. 

Daß die Kinder den Eltern willig, ja freudig gehorchen ist eigent- 
lich nicht selbstverständlich. Man sollte erwarten, daß die Anforde- 
rungen der Eltern an das Verhalten und die Handlungen der Kinder als 
äußerer Zwang empfunden und Unlust entbinden werden. Das ist 
auch wirklich in den allerersten Lebensjahren der Fall, solange das Kind 
nur autoerotische Befriedigungen kennt. Beim Beginne der „Objekt- 
liebe" wird es anders. Die geliebten Objekte werden introjiziert, 
vom Ich angeeignet. Das Kind liebt die Eltern, das heißt: es identifiziert 
sich mit ihnen in Gedanken. Gewöhnlich identifiziert man sich als Kind 
in Gedanken mit dem gleichgeschlechtlichen Teile des Elternpaares und 
phantasiert sich in alle seine Situationen hinein. Unter solchen Um- 
ständen ist das Gehorchen nicht unlustvoll; die Äußerungen der All- 
mächtigkeit des Vaters schmeicheln sogar dem Knaben, der sich in seiner 
Phantasie alle Macht des Vaters aneignet und gleichsam nur sich 
selbst gehorcht, wenn er sich dem Willen des Vaters fügt. Selbstverständ- 
lich geht dieses willige Gehorchen nur bis zu einer gewissen, individuell 

l ) Jahrbuch f. Psychoanalyse, I. Halbband, S. 23. 



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Introjektion und Übertragung. 29 

verschiedenen Grenze; wird diese von den Eltern in ihren Anforderungen 
überschritten, wird die bittere Pille des Zwanges nicht in die süße Oblate 
der Liebe eingehüllt, so ist die allzu frühe Ablösung der Libido von den 
Eltern und zumeist eine gewaltige Störung der psychischen Entwicklung 
die Folge, wie dies besonders C. G. Jung in seiner Arbeit über die Rolle 
des Vaters festgestellt hat. 

Im schönen Buche Mereschkovszkys „Peter der Große und 
Alexei" (Leipzig, Schulze & Ko., 1905) wird das Verhältnis zwischen 
einem jede sentimentale Regung bereuenden, grausam- tyrannischen 
Vater und dem ihm willenlos ergebenen Sohne, der durch seinen aus 
Liebe und Haß gemischten ,, Vaterkomplex" gefesselt, unfähig ist, 
sich energisch aufzulehnen, sehr charakteristisch geschildert. Der 
Dichter-Historiograph läßt z. B. in den Träumereien des Kronprinzen 
sehr oft das Bild seines Vaters aufsteigen. Einmal sieht sich der Kronprinz 
als kleines Kind und den Vater vor seinem Bettchen. „Er streckt (dem 
Vater) mit einem zärtlichen, schlaftrunkenen Lächeln die Ärmchen 
entgegen und ruft: „Papa, Papa, mein Teurer!" Dann springt er auf 
und wirft sich dem Vater an den Hals. Peter umarmt ihn so fest, daß es 
das Kind schmerzt, er drückt ihn an sich, küßt ihm Gesicht, Hals, die 
nackten Beine und seinen ganzen, noch unter dem Nachthemd warmen, 

verschlafenen Körper ". Der Zar hat aber dann beim Heranwachsen 

seines Sohnes furchtbar strenge Erziehungsmittel angewendet. Seine 
Pädagogik gipfelte in folgendem (historischen) Satze: „Gib dem Sohne 
in der Jugend keine Macht; brich ihm die Rippen solange er wächst; 
wenn du ihn mit dem Stocke schlägst, wird er nicht sterben, sondern nur 
kräftiger werden." 

Und trotz alledem erglühte das Gesicht des Zarewitsch vor scham- 
hafter Freude, als er „in das bekannte, schreckliche und liebe Gesicht 
schaute, mit den vollen, fast aufgedunsenen Backen, mit dem gedrehten, 

spitzen Schnurrbarte mit dem herzlichen Lächeln auf den zierlichen, 

fast frauenhaft zarten Lippen; er erblickte die großen, dunkeln, klaren 
Augen, die ebenso schrecklich wie mild waren, daß er einst von ihnen 
wie ein verliebter Jüngling von den Augen eines schönen Weibes geträumt 
hatte; er empfand den von Kindheit an ihm bekannten Duft, ein Gemisch 
starken Knasters, Schnapses, Schweißes und eines noch andern nicht 
unangenehmen, aber starken Kasernengeruches, das im Arbeitszimmer, 
im Kontor des Vaters herrschte; er fühlte die ihm auch von Kindheit 
an bekannte rauhe Berührung des nicht ganz glatt rasierten Kinnes mit 
dem kleinen Grübchen in der Mitte, das sich in diesem finsteren Ge- 



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30 S. Ferenczi. 

sichte sonderbar, fast ergötzlich ausnahm . . .". Solche oder ähnliche 
Beschreibungen des Vaters sind bei Psychoanalysen etwas Typisches. 
Der Dichter will uns durch diese Charakterisierung des Verhältnisses 
zwischen Vater und Sohn verständlich machen, wie es kam,, daß der 
Kronprinz aus seinem sicheren italienischen Verstecke beim brieflichen 
Rufe des Vaters allen Widerstand aufgibt und sich dem Grausamen 
(der ihn dann eigenhändig zu Tode peitscht) willenlos preisgibt. Die 
Suggestibilität des Zarewitsch wird hier ganz richtig mit seinem stark 
betonten Vaterkomplex motiviert. Den Mechanismus der „Übertra- 
gungen" scheint Mereschovszky gleichfalls zu ahnen, als er schreibt : 
„Er (der Zarewitsch) übertrug auf den geistlichen Vater (den Beicht- 
vater Jakob Ignatiew) alle die Liebe, die er seinem leiblichen Vater nicht 
zuwenden konnte. Es war eine eifersüchtige, zärtliche, leidenschaftliche 
Freundschaft wie zwischen Verliebten". 

Normalerweise schwindet — beim Heranwachsen des Kindes — 
das Gefühl der Hochachtung vor den Eltern und die Neigung, 
ihnen zu gehorchen. Aber das Bedürfnis, jemandem Untertan zu 
sein, bleibt; nur wird die Rolle des Vaters auf Lehrer, Vorgesetzte, 
imposante Persönlichkeiten übertragen. Die so verbreitete unter- 
würfige Loyalität vor Regierenden und Herrschern ist auch eine 
solche Übertragung. Im Falle Alexeis war das Erblassen des Vater- 
komplexes auch beim Heranwachsen unmöglich, da sein Vater 
wirklich der furchtbar mächtige Herrscher war, für den wir unsere 
Väter in der Kindheit ansehen. 

Daß die Vereinigung der elterlichen Macht mit der Würde einer 
Respektperson in der Person des Vaters die inzestuöse Neigung uner- 
schütterlich fixieren kann, konnte ich bei zwei Patientinnen beob- 
achten, die die Schülerinnen ihrer eigenen Väter waren. Die eine bereitete 
durch leidenschaftliche Übertragung, die andere durch neurotischen 
Negativismus fast unüberwindliche Schwierigkeiten für die Psycho- 
analyse. Der grenzenlose Gehorsam bei der einen und die trotzige 
Ablehnung der ärztlichen Bemühungen bei der andern, sie waren 
durch dieselben psychischen Komplexe, durch die Verdichtung des 
Vater- und Lehrerkomplexes determiniert. 

Diese markanten Fälle, wie auch alle übrigen schon angeführten 
Beobachtungen bestätigen die Ansicht Freuds, daß die hypnotische 
Gläubigkeit und Gefügigkeit in der masochistischen 
Komponente des Sexualtriebes wurzelt. (Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie, Anm. 11, S. 81.) 



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Introjektion und Übertragung. 31 

Masochismus aber ist lustvolles Gehorchen, und dieses lernt 
man in der Kindheit von den Eltern. 

Im Falle des ängstlich-gehorsamen Schneiders sahen wir die 
elterlichen Befehle weit über die Jahre der Kindheit hinaus, nach Art 
einer posthypnotischen Suggestion fortwirken. Aber auch das neuro- 
tische Analogen der sogenannten „Termins uggestionen" (Sugg. 
k 6chdance) konnte ich bei einem Angstneurotiker nachweisen. (Es ist 
der oben erwähnte 28 jährige Beamte.) Seine Erkrankung erfolgte 
aus Anlaß ganz geringfügiger Motive, und es war auffallend, daß 
der Patient sich etwas zu rasch mit dem Gedanken, in so jungen 
Jahren in Pension zu gehen, abgefunden hat. Die Analyse förderte 
dann die Reminiszenz an den Tag, daß er genau 10 Jahre vor der Er- 
krankung, und zwar sehr ungerne, die Beamtenlaufbahn betrat, da er 
sich künstlerisch befähigt hielt; er folgte damals nur dem Drängen des 
Vaters, nahm sich aber vor, sofort nach Erreichung der zur Pension be- 
rechtigenden Dienstzeit (10 Jahre) sich unter dem Vorwand einer 
Krankheit pensionieren zu lassen. (Die Neigung zum Krankheitvor- 
schützen stammt aus früherer Kindheit, wo es ihm viel Zärtlichkeit von 
der Mutter und etwas Nachsicht vom Vater einbrachte.) Inzwischen 
vergaß er aber seinen Vorsatz vollständig ; er erreichte ein etwas höheres 
Einkommen, und obzwar der Konflikt zwischen der Antipathie gegen die 
Bureaubeschäftigung und der Vorliebe für die inzwischen erfolgreich 
versuchte künstlerische Tätigkeit fortbestand, hinderte ihn seine an- 
erzogene Mutlosigkeit daran, an das Aufgeben eines Teiles des Ein- 
kommens, wie es nach der Pensionierung der Fall gewesen wäre, auch 
nur zu denken. Der vor 10 Jahren gefaßte Vorsatz scheint die ganze 
Zeit hindurch im Unbewußten geschlummert, nach Ablauf der Frist 
fällig geworden zu sein und gleichsam „autosuggestiv" als eine der aus- 
lösenden Ursachen der Neurose mitgewirkt zu haben. Daß aber Termine 
eine so bedeutende Rolle im Leben dieses Patienten gespielt haben 
konnten, war im Grunde das Symptom von unbewußten Phantasien, die 
an infantile Grübeleien über Menstruations- und Graviditätstermine 
der Mutter, unter anderem an die Idee der eigenen Situation im Mutter- 
leibe und bei der Geburt, anknüpften 1 ). 

l ) Die unbewußte Geburtphantasie war die schließliche Erklärung folgender, 
wie es sich herausstellte, symbolisch zu deutender Zeilen, die er während eines 
Angstanfalles in sein Tagebuch schrieb: „Die Hypochondrie umspinnt meine Seele, 
wie ein feiner Nebel, oder eher wie ein Spinngewebe, so wie Schimmelblumen 
den Morast bedecken. Ich habe das Gefühl, als stäke ich in so einem Sumpf, als 



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32 S. Ferenczi. 

Dieser Fall — wie auch alle anderen — bestätigt den Satz Jungs, 
daß „die Zauberkraft, welche die Kinder an die Eltern fesselt," wirklich 
,,die Sexualität ist von beiden Seiten". 

So weitgehende Übereinstimmungen zwischen dem analytisch 
enthüllten Mechanismus der Psychoneurosen und der mittels Hypnose 
und Suggestion produzierbaren Erscheinungen zwingen förmlich zur 
Revision des Urteiles, das in wissenschaftlichen Kreisen über Charcots 
Auffassung der Hypnose als „artifizielle Hysterie" gefällt wurde. 
Manche Gelehrte glauben diese Idee schon dadurch ad absurdum 
geführt zu haben, daß sie 90% der Gesunden zu hypnotisieren imstande 
sind, eine solche Ausdehnung des Begriffes „Hysterie" aber für undenk- 
bar halten. Die Psychoanalyse führte jedoch zur Entdeckung, daß die 
gesunden mit denselben Komplexen kämpfen, an denen die Neurotischen 
erkranken (Jung), daß also wirklich in jedem Menschen ein Stück 
hysterische Disposition steckt, die sich unter ungünstigen, die Psyche 
übermäßig belastenden Umständen auch manifestieren kann. Keinesfalls 
kann man die Tatsache der Hypnotisierbarkeit so vieler Normalmenschen 
als zwingenden Beweis für die Unmöglichkeit der Auffassung Charcots 
hinnehmen. Ist man aber einmal von diesem Vorurteile befreit und ver- 
gleicht die Krankheitsäußerungen der Psychoneurosen mit den Er- 
scheinungen der Hypnose und Suggestion, so überzeugt man sich, daß 
der Hypnotiseur wirklich nichts mehr und nichts anderes zeigen kann, 
als was die Neurose spontan produziert: dieselben psychischen, dieselben 
Lähmungs- und Reiz-Erscheinungen . Der Eindruck weitgehender Analogie 
zwischen Hypnose und Neurose erstarkt aber zur Überzeugung von ihrer 
Wesensgleichheit, sobald man überlegt, daß in beiden Zuständen un- 
bewußte Vorstellungskomplexe die Erscheinungen bestimmen, und 
daß unter diesen Vorstellungskomplexen bei beiden die infantilen und 
sexuellen, besonders aber die sich auf die Eltern beziehenden die größte 
Rolle spielen. Es wird die Aufgabe künftiger Untersuchungen sein, zu 
erforschen, ob sich diese Übereinstimmung auch auf die Einzelheiten 



müßte ich den Kopf herausstecken, um atmen zu können. Zerreißen, ja zerreißen 
möchte ich das Spinngewebe. Aber nein, es geht nicht ! Das Gewebe ist irgendwo 
befestigt — man müßte die Pfahle herausreißen, an denen es hängt. Geht das 
nicht, so müßte man sich durch das Netz langsam durcharbeiten, um Luft zu 
schöpfen. Der Mensch ist doch nicht dazu da, um von solch einem Spinngewebe 
umschleiert, erstickt, des Sonnenlichtes beraubt zu werden." Alle diese Gefühle 
und Gedanken waren symbolische Darstellungen von Phantasien über intrauterine 
und Geburtsvorgänge. 



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Introjektion nnd Übertragung. 33 

erstreckt; die bisherigen Erfahrungen berechtigen zur Erwartung, daß 
dieser Nachweis gelingen wird. 

JJJjjjDie Sicherheit dieser Erwartung wird wesentlich durch die nicht 
angezweifelte Existenz der sogenannten Autohypnosen und Auto- 
suggestionen gestützt. Es sind dies Zustände, in denen unbewußte Vor- 
stellungen, ohne beabsichtigte Einwirkung von außen, alle neuro- 
psychischen Erscheinungen der gewollten Suggestion und Hypnose 
zustande bringen. Es ist vielleicht kein allzu gewagter Schritt, 
anzunehmen, daß zwischen dem psychischen Mechanismus derartiger 
Autosuggestionen und dem der psychoneurotischen Symptome, die 
ja Realisierungen unbewußter Vorstellungen sind, eine weitgehende 
Analogie bestehen muß. Diese Verwandtschaft muß aber mit 
ebensolchem Rechte zwischen Neurose und Fremdsuggestion ange- 
nommen werden, da es ja nach unserer Auffassung ein „Hypno- 
tisieren", eine „Eingebung" im Sinne der psychischen 
Einverleibung von etwas ganz Fremden von außen her, 
gar nicht gibt, sondern nur Prozeduren, die unbewußte, 
präexistente, autosuggestive Mechanismen in Gang brin- 
gen können. Die Tätigkeit des Suggerierenden ließe sich dann 
sehr wohl mit der Wirkung der auslösenden Ursache einer Psycho- 
neurose vergleichen. Die Möglichkeit, daß zwischen dem Neurotisch- und 
Hypnotisiertsein nebst dieser weitgehenden Übereinstimmung auch 
Unterschiede obwalten, soll natürlich nicht geleugnet werden. Diese 
Unterschiede darzutun ist sogar eine wichtige Aufgabe der Zukunft. 
Hier wollte ich nur darauf hinweisen, daß der hohe Prozentsatz 
der Hypnotisierbaren unter den „Normalen" nach den 
psychoanalytisch gewonnenen Erfahrungen eher als 
Argument für die allgemein vorhandene Fähigkeit zur 
Erkrankung an einer Psychoneurose, als eines gegen die 
Wesensgleichheit von Hypnose und Neurose gelten kann. 
Ganz paradox dürfte selbst nach diesen durch ihre Ungewohntheit 
zunächst gewiß unerfreulich wirkenden Auseinandersetzungen die 
Behauptung klingen, daß der Widerstand gegen das Hypnotisiert- und 
Suggeriertwerden die Reaktion auf dieselben psychischen Komplexe sei, 
die in anderen Fällen die „Übertragung", die Hypnose oder Suggestion er- 
möglichen . Und doch hat dies Freud schon in seiner ersten Arbeit über die 
psychoanalytische Technik 1 ) erraten und durch Beispiele erhärten können. 

a ) Breuer-Freud, Studien über Hysterie. IL Auflage, 1909. IV. Ab- 
schnitt. — (S. Freud, „Zur Psychotherapie der Hysterie".) 

Ferenczi. Introjektion und Übertragung. 3 



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34 S. Ferencri. 

Nach Freuds Auffassung, die durch die seitdem gewonnenen Er- 
fahrungen in allen Punkten bestätigt wurde, bedeutet das Nichthyp- 
notisierbarsein ein unbewußtes Nichthypnotisiertwerdenwollen. Daß 
ein Teil der Neurotischen schwerer oder gar nicht hypnotisierbar ist, 
beruht eben sehr oft darauf, daß sie eigentlich nicht geheilt werden 
wollen. Sie haben sich mit ihrem Leiden gleichsam abgefunden, da es 
ihnen, wenn auch auf einem höchst unpraktischen und kostspieligen 
Umwege, aber ohne Selbstvorwurf , libidinöse Lust 1 ), nicht selten auch 
andere große Vorteile einbringt. (,, Sekundärfunktion der Neurosen" 
nach Freud.) 

Die Ursache einer zweiten Art des Widerstandes liegt im Verhält- 
nisse zwischen dem Hypnotiseur und dem zu Hypnotisierenden, in der 
,, Antipathie" gegen den Arzt. Daß auch dieses Hindernis meist von den 
unbewußten infantilen Komplexen geschaffen wird, wurde aber schon 
eingangs dargetan. 

Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die 
übrigen Widerstände, die wir bei der psychoanalytischen Behandlung 
der Patienten nachweisen, beim Versuche der Hypnose und Suggestion 
gleichfalls zu Worte kommen können. Es gibt ja auch Sympathien, die 
unerträglich sind. Die Ursache des Mißlingens vieler Hypnosen ist, wie 
Freud uns zeigte, die Furcht, ,,sich zu sehr an die Person des Arztes 
zu gewöhnen, ihm gegenüber die Selbständigkeit zu verlieren oder gar 
in sexuelle Abhängigkeit von ihm zu geraten". Daß aber beim einen 
Kranken die ungehemmte Neigung zur Übertragung, beim andern die 
Flucht von jedem Beeinflußtwerden zu Worte kommt, glaube ich in 
letzter Linie gleichfalls auf den Elternkomplex, insbesondere auf die Art 
der Ablösung der Libido von den Eltern zurückführen zu können 2 ). 

IV. Vor nicht langer Zeit suchte mich eine 33jährige Patientin, 
Frau eines Gutsbesitzers, auf , deren Fall als Illustration dieser Widerstände 
dienen kann. Sie litt an hysterischen Anfällen. Mitten in der Nacht wurde 
ihr Mann einige Male durch ihr Stöhnen geweckt und sah, wie sie sich 

*) S. Freud, Kleine Schriften zur Neurosenlehre; II. Band, 1909, Deuticke, 
Wien, S. 142: „Das hysterische Symptom dient der sexuellen Befriedigung und 
stellt einen Teil des Sexuallebens der Person dar." 

*) Infantile (inzestuöse) Fixierung und Fähigkeit zur Über- 
tragung scheinen in der Tat reziproke Größen zu sein. Jungs dies- 
bezügliche Beobachtungen kann jeder Psychoanalytiker vollauf bestätigen, ich 
glaube aber, daß dieser Satz auch für jene Form von Affektübertragung, die wir 
Suggestion nennen, gültig ist. 



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Introjektion und Übertragung. 55 

unruhig hin- und herwälzte ; „sie gab Töne von sich, als stäke ihr etwas im 
Halse, was sie vergeblich zu verschlucken versucht", lautete die Be- 
schreibung des Gatten. Endlich kamen Würgbewegungen und Brechreiz, 
worauf die Patientin erwachte, um bald darauf ruhig einzuschlafen. Die 
Patientin war das gerade Gegenteil eines „guten Mediums". Sie war 
eine jener Widerspenstigen, die immer auf der Lauer sind nach In- 
konsequenzen in den Aussagen des Arztes, die alles, was er sagt und tut, 
auf die Goldwage legen und überhaupt sehr trotzig, beinahe negativistisch 
sich benehmen. Durch schlechte Erfahrungen bei solchen Patientinnen 
gewitzigt, versuchte ich es nicht einmal mit der Hypnose oder 
Suggestion und nahm sofort die Analyse in Angriff. Die verschlun- 
genen Wege zu beschreiben, auf denen ich die Lösung ihres Symptom- 
komplexes erlangte, würde mich zu weit vom Gegenstande ablenken. 
In diesem Zusammenhange beschränke ich mich auf die Erklärung ihres 
trotzigen Benehmens, das sie besonders am Anfange der Analyse mir, 
aber schon vordem auf kleinliche Anlässe hin ihrem Manne gegenüber 
bekundete, mit dem sie manchmal tagelang kein Wort wechselte. 
Ihr Leiden brach nach einer gesellschaftlichen Zusammenkunft aus, wo 
sie das Benehmen einer älteren Dame in dem sie beleidigenden Sinne 
deutete, daß sie der Patientin vorwerfen wolle, ungebührlicherweise den 
ersten Platz an der Tafel einzunehmen. Der Schein des Inadäquaten 
in ihrer Gefühlsreaktion schwand aber beim Fortschreiten der Analyse. 
Den ersten Platz an der Tafel hatte sie nämlich wirklich ungebührlicher- 
weise als junges Mädchen, nach dem Tode der Mutter, eine kurze Zeit 
lang zu Hause eingenommen. Der Vater war mit einer großen Schar von 
Kindern zurückgeblieben, und es kam nach dem Begräbnisse zu 
einer rührenden Szene zwischen ihm und der Tochter; er versprach, 
sich nie mehr zu verehelichen , worauf sie die feierliche Erklärung 
abgab, zehn Jahre lang nicht zu heiraten und bei den armen 
Waisenkindern Mutterstelle zu vertreten. Es kam aber anders. Es 
verging kaum ein Jahr, da fing der Vater an, darauf anzuspielen, 
daß sie heiraten sollte. Sie erriet, was das bedeutete, und wies 
jeden Bewerber trotzig zurück. Richtig heiratete der Vater bald darauf 
eine junge Person, und es begann ein erbitterter Kampf zwischen der aus 
allen Stellungen verdrängten Tochter und ihrer Stiefmutter; in diesem 
Kampfe nahm der Vater offen gegen die Tochter Stellung, und als 
einzige Waffe gegen beide blieb ihr nur der Trotz übrig, von dem sie 
auch nach Kräften Gebrauch machte. Bis hierher klang das ganze wie 
eine rührende Geschichte von der bösen Stiefmutter und vom treulosen 

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36 S. Ferenczi. 

Vater; bald aber kam das „Infantile" und das „Sexuelle" an die Reihe. 
Als Zeichen beginnender Übertragung fing ich an in ihren Träumen 
eine Bolle zu spielen, merkwürdigerweise recht häufig in der für mich 
wenig schmeichelhaften Gestalt einer Mischperson, die aus mir und — 
einem Pferde zusammengeschweißt war. Die Assoziationen vom Pferde 
führten auf unangenehme Themata; sie erinnerte sich, als ganz kleines 
Kind von ihrem Dienstmädchen sehr häufig zu einem Feldwebel der 
Gestütsbranche in die Kaserne mitgeführt worden und dort viele Pferde 
(auch Koitusszenen zwischen Hengst und Stute) gesehen zu haben. 
Sie gab ferner zu, daß sie sich für die Größenverhältnisse der männlichen 
Genitalien schon als Mädchen ungewöhnlich interessierte und von der 
relativen Kleinheit dieses Organs bei ihrem Manne — dem gegenüber 
sie frigid blieb — enttäuscht gewesen sei. Noch als Mädchen überredete 
sie eine Freundin, die Dimensionen des Kopulationsorgans ihrer zu- 
künftigen Männer zu messen und einander mitzuteilen. Sie hielt ihr 
Versprechen, die Freundin aber nicht. 

Der sonderbare Umstand nun, daß das Pferd in einem Traume 
in Nachthemd erschien, führte zur Reproduktion viel weiter zurück- 
liegender Kindheitserinnerungen, worunter, wie so häufig, das Be- 
lauschen des sexuellen Verkehrs zwischen den Eltern und besonders 
die Beobachtung der Miktion des Vaters, die wichtigste war. Jetzt 
erst erinnerte sie sich, wie oft sie sich als Kind in die Stelle der Mutter 
hineinphantasierte, wie gerne sie mit ihren Puppen und Freundinnen 
Vater und Mutter spielte, ja einmal mittels eines unter die Röcke ge- 
steckten Polsters eine imaginäre Gravidität durchmachte. Zum Schlüsse 
stellte es sich heraus, daß die Patientin schon als Kind jahrelang an einer 
„kleinen Angsthysterie" litt: sie konnte oft bis spät in die Nacht hinein 
nicht einschlafen vor der unmotivierten Angst, der strenge Vater könnte 
zu ihr kommen und sie mit seinem im Nachtkästchen auf- 
bewahrten Revolver totschießen. Die Würgbewegungen und der 
Brechreiz in ihrem Anfalle waren das Zeichen der Verdrängung von unten 
nach oben (Freud), war sie doch (wie Freuds Patientin Dora) lange 
Zeit eine enragierte Lutscherin, deren stark betonte " erogene Mund- 
zone einer großer Zahl von perversen Phantasien entgegenkam. 

Diese wie gesagt nur sehr verstümmelt wiedergegebene Krankheits- 
geschichte ist in zweifacher Hinsicht lehrreich. Sie zeigt erstens, daß hier 
der Trotz, die Ablehnung jeder Beeinflussung, die dem Versuch einer 
Suggestionskur im Wege stand, sich bei der Psychoanalyse als Wider- 
stand gegen den Vater entpuppte. Zweitens lehrt der Fall, daß dieser 



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Introjektion und Übertragung. 37 

Widerstand ein Abkömmling des bei der Patientin stark fixierten 
Elternkomplexes, eines Ödipuskomplexes feminini generis war und daß 
ihre Elternkomplexe von infantiler Sexualität durchsetzt waren. (Auf- 
fallend ist ferner die Analogie der Pferdeträume dieser Patientin mit jener 
Phobie vor Pferden, die Professor Freud beim fünfjährigen ,, kleinen 
Hans" [I. Halbband des I.Jahrganges dieses Jahrbuches] gleichfalls auf 
Identifizierung des Vaters mit einem Pferde zurückführen konnte.) 



Was ich durch die angeführten Tatsachen begründen wollte, ist 
die Ansicht, daß das „Medium" in den Hypnotiseur eigentlich un- 
bewußt verliebt ist und die Neigung dazu aus der Kinderstube mit- 
gebracht hat. Ich weise nur noch darauf hin, daß auch das gewöhnliche 
Verliebtsein psychologische Erscheinungen zeitigen kann, die an Hyp- 
nose erinnern. Ein von Liebesleidenschaft verblendeter Mann vollführt 
fast willenlos Handlungen, die ihm die Geliebte eingibt, und seien sie auch 
Verbrechen. Im berühmten Prozesse Czy nsky konnten die gelehrtesten 
Sachverständigen nicht entscheiden, ob die Handlungen der in die 
Affäre verwickelten Baronin durch Verliebtsein oder durch suggerierte 
Eingebungen determiniert waren. 

Die meisten Homosexuellen, die mir ihre Lebensgeschichte er- 
zählten, gaben an, von dem Manne, mit dem sie zum ersten Male ver- 
kehrten, hypnotisiert oder wenigstens suggeriert worden zu sein. Bei 
der Analyse eines solchen Falles stellte es sich natürlich heraus, daß 
diese Hypnotisier phantasien nur Projektionsversuche zur eigenen Ent- 
schuldigung sind. 

Ich begnüge mich mit diesen Hinweisen und will die Analogie 
zwischen Verliebtsein und Hypnose nicht fortführen, um nicht den un- 
richtigen Eindruck zu erwecken, als ob es sich hier nur um das deduktive 
Breittreten eines banalen Gleichnisses handelte. Dem ist nicht so. Mühe- 
volle individualpsychologische Untersuchungen, wie wir sie seit Freud 
anzustellen imstande sind, waren die Grundlage, auf die sich diese 
Hypothese aufbaute, und wenn sie schließlich auf einen Gemeinplatz 
hinauslief, so ist das keinesfalls als Argument gegen ihre Richtigkeit 
zu verwerten. 

Eine nicht zu leugnende Schwäche dieser Überlegungen ist es 
allerdings, daß ihnen eine verhältnismäßig kleine Zahl von beobachteten 
Fällen zugrunde liegt. Es liegt aber in der Natur der psychoanalytischen 
Arbeit, daß hier die Massenbeobachtung und die statistische Methode 
nicht anwendbar ist. 

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38 S. Ferenczi. 

Immerhin glaube ich durch gründliche Untersuchung, wenn auch 
nicht zahlreicher Fälle, durch die große grundsätzliche Übereinstimmung 
in allen Fällen, endlich durch das Zusammenhalten dieser Beobachtungen 
mit dem nunmehr ganz respektablen Wissensstoff der Psychoanalytik, 
genügendes Material zur Stütze einer von der bisherigen verschiedenen 
Auffassung der Hypnose und Suggestion zusammengetragen zu haben. 

Das Suggerieren und Hypnotisieren wäre nach 
dieser Auffassung die absichtliche Herstellung von Be- 
dingungen, unter denen die in jedem Menschen vor- 
handene, aber für gewöhnlich durch die Zensur ver- 
drängt gehaltene Neigung zu blindem Glauben und 
kritiklosem Gehorsam — ein Rest des infantil - erotischen 
Liebens und Fürchtens der Eltern — auf die Person des 
Hypnotisierenden oder Suggerierenden unbewußt über- 
tragen werden kann. 



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